Bielefeld: "Paul Klee – Späte Arbeiten"

Im Mai 1940, einen Monat vor seinem Tod, verläßt Paul Klee seine Arbeitsstätte in Bern, um sich für einige Zeit im Tessin zu erholen. Auf der Staffelei bleibt ein Bild zurück: ein Stilleben, das vielen als sein künstlerisches Vermächtnis gilt, vertraute Objekte und fremde Zeichen, Dinge des alltäglichen Lebens, Kunst, die Gegenständliches und Abstraktes vereint, die Gleichwertigkeit des Verschiedenartigen realisiert und den Kreislauf der Schöpfung nachzeichnet, Bestätigung einer Aussage ist, die er Jahre zuvor gemacht hatte: "Die Natur ist schöpferisch und wir sind es." Das als "letztes Stilleben" bekannte Bild ist eine von rund vierzig späten Arbeiten aus der Sammlung des Sohnes Felix Klee, die jetzt in Bielefeld gezeigt werden. Zu sehen sind Gemälde, Zeichnungen, Skizzen und Aquarelle aus den Jahren 1934 bis 1940, die dem gängigen Klee-Bild nicht unbedingt entsprechen. Die vertrauten zarten Linien, die sensibel abgestuften Farben, Offenheit und Schwerelosigkeit früher Arbeiten sind im eher spröden, häufig rätselhaften Spätwerk weitgehend Vergangenheit. Nur einige wenige Bilder wirken heiter, optimistisch, spielerisch. Fremde, kürzelhafte Zeichen, eine sich geheimnisvoll zurückziehende Sprache rücken in den Vordergrund einer oft nur schwer zugänglichen Bildwelt, die sich in Grenzbereichen bewegt, herkömmlichen Festlegungen und schnellem Zugriff entzieht. "Diesseitig", meinte der 1933 in die Schweiz emigrierte Maler einmal, "bin ich gar nicht faßbar. Denn ich wohne grad so gut bei den Toten wie bei den Ungeborenen. Etwas näher dem Herzen der Schöpfung als üblich. Und noch lange nicht nahe genug." Der immer wieder unternommene Versuch der Annäherung, der Grenzüberschreitung ist seinen Arbeiten deutlich abzulesen – nicht zuletzt den späten, die sich zwar der Außenwelt sehr häufig verschließen, aber doch auch Reaktionen auf das Außen sind. Beispiel sind unter anderem Blätter wie "Dieser Stern lehrt beugen", eine Zeichnung von 1938, in der Klee mit wenigen starken Strichen Figuren zeichnet, die nicht mehr aufrecht gehen können, und eine Reihe von Todesbildern, die am Ende seines Lebens entstehen. "Natürlich komme ich nicht von ungefähr ins tragische Geleis", bekennt Paul Klee 1940 einem Freund, "viele meiner Blätter weisen darauf hin und sagen: es ist an der Zeit". Gelegenheit zu eingehender Beschäftigung mit dem noch immer reichlich Entdeckungsmöglichkeiten bietenden Werk Paul Klees wird im kommenden Jahr sein: anläßlich des 100. Geburtstages werden umfangreiche Ausstellungen unter anderem in Köln, München und Bern stattfinden. (Kunsthalle bis 7. Januar, Katalog 12 Mark) Raimund Hoghe

Hannover: "Otto Modersohn"

In der Einfachheit, so erkannte er früh, liege die Stärke seines Talents. Das trifft zu; ausschließliche Gültigkeit hatte diese Selbstfestlegung des damals Einundzwanzigjährigen nicht. Otto Modersohn unterließ es, eine Definition des Einfachen zu liefern. In der zweitenLebenshälfte verirrte er sich in schlichte Simplizität. Worpswede ist sein Thema, der genius loci fast eine Ideologie. Hier, in der Malerkolonie, entstanden beachtliche Arbeiten, von Otto Modersohn und Paula Modersohn-Becker. Anfangs hatte Otto Modersohn ganz auf die Franzosen von Barbizon geschaut. Landschaft, Weite, der Himmel, das war sein Sujet. Später, hier hat die Moorlandschaft um Worpswede ihren Einfluß durchgesetzt, dringt die Düsternis vor, das Schwere, auch Pathos zuweilen. In seinen Skizzen, die Notizen gleichermaßen sind wie Kompositionszeichnungen, fällt die Kontraststärke auf. Hell-Dunkel, braun, schwarz, rot. Rilke schätzte diese "Abendblätter", so genannt, weil viele zu jener Tageszeit entstanden und weil sie atmosphärisch zum Abend deuten. Beachtlich ist der hohe Abstraktionsgrad in diesen Skizzen. Ihre geringe Größe macht dem Betrachter das Erkennen schwer. Menschenfreundlich sind Otto Modersohns Jahrmarktsbilder. Von 1904 an hat er unzählige Male das Schützenfest gemalt. Ähnlich gelungen sind jene Bilder, in denen die Helligkeit dominiert, der "Herbstmorgen am Moorkanal" etwa, oder die "Malven". Wenn er nicht an der "Monographie einer Landschaft" schreibt – die Ausstellung trägt diesen Untertitel – bringt er auf nichtnaturalistische Weise Buntes zum Leuchten: das Karussell, die Blüte, die Blumenwiese. Erstaunlich ist die Ähnlichkeit der Bilder aus der gemeinsamen Zeit von Otto und Paula. Eher zum Vergessen die Bilder der Spätphase; fast Kaufhauskunst. Der Katalog hält mit der Ausstellung mit. (Kunstverein bis 28. Januar, Katalog 30 Mark) Joachim Holtz

Wichtige Ausstellungen

Bonn: "Otto Freundlich (1878–1943)" (Rheinisches Landesmuseum bis 4. Februar, Katalog 20 Mark)

Bremen: "Felix Vallotton – Bilder, Zeichnungen, Graphik" (Kunsthalle Bremen bis 28. Januar, Katalog 22 Mark)