Ein Buch, in dem mit außerordentlichem Kunstverstand zwei Geschichten zugleich erzählt werden: die Geschichte der Franziska Itzig, einer Berliner Jüdin, die als Fanny Baronin von Arnstein in Wien jenen berühmten Salon führt, in dem nicht nur die Kaunitz, Lobkowitz, Esterhazy und Liechtenstein, sondern auch der allmächtige Gentz, der noble Humboldt aus Preußen und der junge Arthur Schopenhauer verkehrten. Und dazu, auf einer zweiten, die erste überhöhenden Ebene, die Geschichte eines Zeitalters – der Epoche, in der Juden zu Menschen wurden, um dann, kaum emanzipiert, wieder auf die Stufe von Ochsen und Schweinen herabzusinken.

Hilde Spiels Biographie, ein roman d’essai" über die Zeit zwischen Friedrich II. von Preußen und Metternich, ist ein Buch, das vom Kleinsten zum Größten, vom Salon der lustigen Fanny, die es sich angelegen sein läßt, in Wien den ersten Weihnachtsbaum einzuführen, zum Größten, der europäischen Geschichte um 1800, hinüberwechselt, indem sie Individuelles und Allgemeines an zwei Schauplätzen, Berlin und Wien, einander begegnen läßt.

Berlin und Wien. Die Preußen-Stadt, in der, Seit’ an Seite mit Nicolai Lessing und Mendelssohn, ein Kriegsrat namens Dohm die Emanzipation der Israeliten mit der Streitschrift "Über die bürgerliche Verbesserung der Juden" eröffnet hatte und die Habsburger Metropole, die den Juden einen Wegzoll auferlegte, wie er für das Vieh zu entrichten war.

Berlin und Wien: Die Stadt der Aufklärung, die zur Bastion der finstersten Reaktion wurde (Rahel Varnhagen hat beschrieben, wie das Mittelalter zurückkehrte: an der Spree wurde Romantik inszeniert) und die Gegen-Stadt im Südosten, in der ein Jude, nachdem sich einmal das Toleranz-Edikt durchgesetzt hatte, an der Seite von Kunst und Aristokratie sein Auskommen • fand. (Vorausgesetzt, er war reich.)

Die Geschichte einer Frau, einer illiteraten, aber kaum weniger einflußreichen Madame de Staël, erweitert sich zur historia mundi: Rahel läßt grüßen; Henriette Herz (von Rahel verlacht: "Götter der Welt! Wie kann man bei so wenig Leben leben bleiben") hält ihren Einzug, ein bescheidenes Entree in Wien; die Gesellschaft adliger Damen zur Beförderung des Guten und Nützlichen (Fürstin von Lobkowitz, geborene Fürstin von Schwarzenberg neben Frau Baron von Arnstein, geborene von Itzig) präsentiert sich im vollen Glanz, und dann auf einmal rücken die Armen, die kleinen Bocher ins Blickfeld, die jene Suppe auszulöffeln hatten, die ihnen die mütterliche Kaiserin Maria Theresia einzubrocken verstand: "Ich kenne keine ärgere Pest als diese Nation, wegen Betrug, Wucher und Geldvertragen, Leut’ in Bettelstand zu bringen, alle üble Handlungen auszuüben, die ein anderer ehrlicher Mann verabscheuete."

Hüben die adligen Sünder, die zur Strafe die Wiener Straßen kehren mußten, als Müllmänner von Rang und Geblüt, drüben die bürgerlichen Aufklärer vom Schlag des Juden Joseph Sonnenfels (ein Meisterstück der Porträtierung) und in der Mitte der Salon der "erfahrenen Weltdame" (wie Varnhagen sie nannte): Unter strikter Wahrung der Perspektive (die Juden als Focus) wird, an der Grenze von Aufklärung und Barbarei, eine Epoche im Übergang sichtbar – im Übergang zum Schlechteren.

Und das Ganze in einer Manier erzählt, die an Zeiten erinnert, in denen die Historiographie sich, unter dem Aspekt von Sprachgebung, Einfallsreichtum und Komposition, noch im Bezirk der belies lettres auszuweisen verstand.