Auf der Flucht vor irgendwem und irgendwohin ist meine Familie weit herumgekommen in Deutschland.

Mein stattlicher Großvater zum Beispiel, ein kaiserlicher Obrist a. D., wurde – in Trier ansässig – während der zwanziger Jahre von den einmarschierenden Franzosen vor das freche Ultimatum gestellt, binnen 24 Stunden seine Heimatstadt zu verlassen, oder...

Er nahm seine Akten, seine Zinnsoldaten und auch seine Familie und zog in die Kleinstadt Köthen in Sachsen-Anhalt um. Die Möbel kamen nach. Das war eine durchaus zivilisierte Flucht vom westlichen Rand in die Mitte des Reiches, wo ich später geboren wurde, in einer schönen Zuckerrüben-Landschaft.

Meine Tanten und Onkel haben Deutschland dann rechtzeitig im Jahre 1933 verlassen. Dies war eine lebensrettende Flucht, und sie zogen es nach 1945 vor, gar nicht erst wiederzukommen. Statt dessen schickten sie Care-Pakete und Briefe. Eine Chesterfield-Packung für den Genossen Zöllner war immer dabei. Der Zoll der neugegründeten DDR – mein sozialistisches Vaterland – konnte nicht klagen. Doch meine Mutter, angestellt beim volkseigenen Betrieb "Abus Förderanlagenbau" in Köthen, wurde auf einmal verdächtigt, in ihren regelmäßigen rotblau-gestreiften Luftpostbriefen eminente Produktionsgeheimnisse des ersten Arbeiter- und Bauernstaates an den emigrierten Klassenfeind in New York-Brooklyn zu verraten.

Und in der Tat schrieb sie ja wirklich Briefe in das ferne Land Amerika, das unseren landwirtschaftlichen Genossenschaften, wie wir alle wußten, gerade die gelb-schwarzen, bösen Kartoffelkäfer in die Felder geworfen hatte.

Das waren jene wunderschönen Jahre, da in der Ernst-Thälmann-Schule immer öfter im Sommer der Unterricht ausfiel, weil wieder ein Lehrer "wegjemacht" hatte, in den Westen. Draußen war es heiß: welch ein Juni!

Eines Tages patrouillierte ein grünbrauner Volkspolizist vor unserem Haus; er marschierte stundenlang am Gartenzaun entlang, von den Tomatenstauden zum Gurkenfeld und zurück. Ich band mein blaues Pioniertuch um und lief zu ihm hinaus. Da zeigte er mir auch seine schöne, dunkelblaue Pistole. Ich sang ihm zum Dank ein Liedchen vor: