Yun Chang-wan, ein 24jähriger Lehrer aus Cholon, Saigons alter "Chinatown", hatte seit dem vergangenen Frühjahr seine Flucht vorbereitet. Die Behörden der Sozialistischen Republik Vietnam legten ihm und seinen Freunden den Rücken gekehrt haben.

"Es wäre zwecklos, jene zu halten, die nicht hier leben wollen", sagt Hoang Tun, Mitglied des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei Vietnams. "In Saigon würden selbst die Straßenlaternen abhauen, wenn sie Beine hätten", meint hingegen ein Flüchtling aus Cholon.

Eineinhalb Millionen Chinesen leben noch in Vietnam. Und Hanoi scheint es recht zu sein, wenn diese "unbequemen Elemente" das Land verlassen, so wie Yun Chang-wan.

Denn die politische Loyalität der vietnamesischen .Chinesen ist ins Zwielicht gerückt, seitdem sich China, der große Nachbar im Norden der Nation, den traditionellen Expansionsgelüsten Hanois in Indochina widersetzt.

Vietnams chinesische Minderheit, seit eh und je im handelnden Mittelstand erfolgreich, hatte sich immer unbeliebter gemacht, je weniger es in dem kriegsverwüsteten Land zu handeln gab. Lebensmittel-Engpässe, das Ende einer hauptstädtischen Überflußgesellschaft von Kriegsprofiteuren, die Vorherrschaft national-kommunistischen Bürokraten aus Nord-Vietnam – derlei fügte sich zu den klassischen Voraussetzungen für eine Massenflucht: Eine spezifisch bestimmbare Bevölkerungsgruppe verlor ihre existentielle und politische Lebensgrundlage in einem Land, das ihr zunehmend fremder wurde. Am Ende schien nur die hoffnungsvolle Flucht in die Ferne ein besseres Leben zu gewährleisten. Doch für viele vietnamesische Chinesen endete sie in grauenhaften Irrfahrten und schließlich mit dem Tod im Meer.

Yun Chang-wan und sieben Freunde hatten sich ein zehn Meter langes Boot besorgt, hatten Nahrungsmittel gehortet, volle Benzinkanister auf dem Schwarzmarkt von nordvietnamesischen Soldaten gekauft. Im Schutze der Dunkelheit tuckerten sie schließlich von Vung Tau, einem Ort südlich von Ho-Tschi-Minh-Stadt (Saigon), aufs Meer hinaus. Am nächsten Morgen hatten sie internationale Gewässer erreicht, doch die Kapitäne der großen Frachtschiffe ignorierten beharrlich die acht Menschen in ihrer Nußschale, übersahen ihre SOS-Fahne.

Den Reedern in aller Welt scheint es nicht mehr ratsam, Indochina-Flüchtlinge aus dem Wasser zu fischen: Niemand will sie haben. Die Kapitäne scheuen langwierige Auseinandersetzungen in den Häfen. Verlängerte Liegezeiten kosten höhere Hafengebühren – in diese Rechnung paßte auch Yuns kleiner Kutter nicht.

Nach fünf Tagen erreichen sie endlich Malaysias Küste. Doch Patrouillenboote verhindern die Landung – die Flüchtlinge wenden in Richtung Singapur. Dort erwartet sie das gleiche, unfreundliche Schicksal. Immerhin können sie hier ihren Lebensmittel- und Benzinvorrat auffrischen. Im Schlepp eines Polizeibootes werden sie aufs Meer zurückgezogen – dann werden die Leinen gekappt: Singapur will keine Flüchtlinge.

In den nächsten Tagen fuhr Yun mit seinen Freunden gen Indonesien, durch Gewässer, in denen Piraten Jagd auf Vietnam-Flüchtlinge machten; sie lebten nur noch von Fischen und sie tranken Regenwasser, bis sie die Küste erreichten; keine Landeerlaubnis auch hier. Wieder Kurs auf Singapur – mit Hilfe einer aus einem Schulatlas herausgerissenen Karte. Diesmal werden Yun und seine Freunde mit Waffengewalt vertrieben.

In ihrer Verzweiflung steuern sie Thailand an: Doch ehe sie einen rettenden Hafen erreichen, kentern sie vor der malaysischen Küste. 300 Meter vom rettenden Ufer entfernt, sinkt ihr Boot. Sie können nicht schwimmen.

Als der Körper von Yun Chang-wan noch einmal in der Brandung hochgespült wird, gelingt es einem Leidensgenossen, ihn zu fassen. Yuns Freund zerrt mit Mühe den Leblosen ans Ufer. Fast zwei Stunden dauert es, bis er wieder zu Sinnen kommt: Gerettet? Keineswegs – malaysische Polizei nimmt die Überlebenden vorschriftsmäßig fest – illegale Einwanderer. Am nächsten Morgen treiben die Leichen der anderen ans Ufer. Doch zu diesen Zeitpunkt sitzen Yun und sein. Freund aus Cholon schon zusammen mit anderen Vietnamesen, Bootsflüchtlinge wie sie, in einem malaysischen Gefängnis.

Welch ein Preis für eine sechsmonatige Irrfahrt! Hat sie sich gelohnt? Yun findet – ja. Er bleibt auch dabei, als man ihn auf die bereits hoffnungslos überfüllte Flüchtlingsinsel Pulau Bidong überführt: Mit ihm hofften dort 20 000 Flüchtlinge, aus Vietnam, daß ihr Aufenthalt nur vorübergehend sei. Pulau Bidong – das heißt qualvolles Nichtstun, ödes Schlangestehen vor salzigen Wasserlöchern, provisorische Bambushütten, keine Latrinen, eintöniges Essen, bezahlt vom UN-Flüchtlingskommissar der Vereinten Nationen UNHCR (United Nations High Commissioner for Refugees). Das wahre Lebensmittel der Flüchtlinge in aller Welt heißt: Lebensmittel Irgendwer müßte sich ja ihrer annehmen, irgendein Land müßte sie bald aufnehmen.