Schwachbeinige Skifahrer erkennen meist schnell, ob sie das richtige Urlaubsdomizil gewählt haben. Gleicht der Korso des gewählten Ortes einem Laufsteg der Eitelkeiten, bevölkern die Gäste schon morgens und mittags die Hotelterrassen, räkeln sich besonders viel Wohlbeleibte und ältere Urlauber in der Sonne, steht nichts zu befürchten. Wehe aber, wenn sportgestählte Gestalten das Bild bestimmen, und das Stampfen der Skischuhe überall und zu jeder Tageszeit zum guten Ton gehört; dann kann sich der Sonntagsskifahrer auf entnervende Herausforderungen gefaßt machen.

Eine dörfliche Idylle

Unser Reiseziel gehörte zur zweiten Kategorie. Champéry, der Name des Ortes im westlichen Wallis, eine knappe Autostunde von Montreux, hatte fälschlicherweise Assoziationen von Wohlleben und gemächlicher Gangart geweckt. Statt dessen präsentierte sich eine dörfliche Gemeinde, bei deren Anblick sich das Prädikat "Skiparadies" förmlich aufdrängt. Am Ende eines Hochtales gelegen, umgeben von Zweitausendern, gibt es in Champéry eigentlich nur eine Blickrichtung: nach oben. Und wer sucht sich solch ein Dorf? Aktivisten, Skikanonen und Pistenraser natürlich.

Sie kommen seit über 100 Jahren nach Champéry, und sie wissen auch warum, denn der Ort an der "Sonnenpforte" gehört zur schwindenden Minderheit der Urlaubsplätze, die den Idealvorstellungen eines Schweizer Skidorfes noch weitgehend entsprechen. Nur einem Betonklotz haben die Gemeindeväter in einer schwachen Stunde die Zustimmung gegeben. Sonst prägen hochgeschnitzte Fassaden und spitzgiebelige Dächer das Dorfbild. Selbst die neuen Apartmenthäuser fügen sich mit viel braunem Holzwerk in die dörfliche Idylle. Behaglichkeit, eine immer seltener werdende Qualität in Skizentren, macht sich in den engen Gassen Champérys noch breit.

Beim Skifahren hört die Gemütlichkeit allerdings auf. Zumindest im März bieten die sanften Hügel des Dorfes den weniger Waghalsigen keine Zuflucht mehr. Schnee gibt es dann nur noch auf dem Hausberg, dem Planachaux. Schon die Anfahrt vom rund 1000 Meterhoch gelegenen Ort zum 1800 Meter hohen Ausgangspunkt für die Pisten bietet den Flachlandtouristen einigen Nervenkitzel. Ob in der Gondel- oder der Kabinenbahn: Das Schweben über die steil abfallenden Felswände wird erst nach einigen Wiederholungen zur erfreulichen Routine. Der erste Eindruck von den Abfahrten auf dem Planachaux erklärt dann schnell, warum Champéry um "mittlere bis gute Skifahrer" wirbt. Anfänger sind auf dem Hochplateau in der Tat fehl am Platze, weil zur Fortbewegung zumindest die Fähigkeit zum Liftfahren vorhanden sein muß.

Für geruhsamere Skifahrer bietet Planachaux mit seinen drei Abfahrten zumindest für einige Tage genügend Abwechslung. Die Lifte sind, jedenfalls im März, nie überfüllt und auf den Pisten ist meistens genügend Platz, um auch einmal gewagtere Manöver ungestört auszuprobieren. Als lohnendes Ziel nach körperlicher Ertüchtigung steht immer das Restaurant Coquoz mit seiner Sonnenterrasse vor Augen, wo gerade die deutschen Gäste dankbar feststellen, daß auch Skibeiseln gute und preiswerte Küche bieten können.

Schon bei den ersten Erkundungsfahrten vom Planachaux wird verständlich, warum die Leute von Champéry so stolz auf ihr Pistenangebot sind. Neben ihrem Hausberg liegt Les Crosets wie eine Spinne im Netz eines runden Dutzends von Abfahrten. Schlepplifte, Sesselbahnen und Gondeln führen zu den Zweitausendern ringsum. Die Beunruhigung über die Bewegung in alle Himmelsrichtungen klingt schnell ab, denn auch bei großem Andrang auf den Abfahrten rings um Les Crosets gibt es noch immer genügend Manövrierraum.