Von Klaus J. Busch

Gegen neun Uhr abends rollte der TEE in den Hauptbahnhof von Bonn. Ich stieg – und nun verstand ich jenen sprichwörtlichen neuen Abgeordneten, der zum erstenmal am Regierungssitz ankommt und sich verwirrt erkundigt, wo denn nun der Hauptbahnhof sei.

Drei Gleise, eins davon für den Nahverkehr, ein zweigeschossiges altes Gebäude, davor fünf Taxiplätze, eine schmale Straße – das ist das Zentrum der deutschen Bundeshauptstadt. Am Bahnhof wirkt die politische Metropole bisweilen selbst für Einheimische provinziell.

Das ketzerische Wort vom "Bundeshauptdorf" kam mir in den Sinn, während ich durch die um diese Zeit bereits verwaiste Innenstadt ging; in der zweitgrößten Fußgängerzone Deutschlands war ich fast allein. Wie kommt es, daß "Berufsbonner", Diplomaten und Lobbyisten aus aller Welt, die Residenz am Rhein immer wieder als "eine der schönsten Hauptstädte" loben?

Eine Erklärung könnten skeptische Besucher nächtens vielleicht in den Kneipen und Gaststätten zwischen Münsterkirche und Marktplatz finden, wo jetzt, kurz vor zehn, kaum ein Tisch frei ist. Aber weil die "Bönnschen" brave Bürgersleut’ sind, ziehen sie sich zur Mitternacht nach Hause zurück. Das gilt auch fürs "Em Höttche", eine vor sechshundert Jahren errichtete und 1945 im alten Stil wieder aufgebaute Gaststätte am Markt, in deren Restaurant vornehme Ruhe herrscht, während vorn, in der Schenke, Studenten neben Marktfrauen und Beamte neben Arbeitern ihr "Kölsch" oder Altbier vom Faß bestellen und den Lärmpegel dem Gedränge um den Zapfhahn anpassen. Hinten entsprechen Speise- und Preiskarte den gehobenen Ansprüchen der "Höttche"-Kundschaft: Während in den anderen Lokalen der Innenstadt, die Bonner unter sich sind, feiern hier auch Diplomaten und andere Zelebritäten der Bevölkerung, treffen sich Ministeriale und Lobbyisten zu Arbeitsessen.

Die meisten Studenten und Jugendlichen Bonns’ gehen dagegen zur Nacht aber ins einstige Nobel- und jetzige Akademikerviertel. Vom Zentrum durch die meistbefahrene Eisenbahntrasse Deutschlands und etliche ewig geschlossene Bahnschranken getrennt, sind zwischen dem Kurfürstlichen Gartenschloß in Poppelsdorf und dem Juridicum, der rechtswissenschaftlichen Fakultät, fast fünfzig Uni-Institute verstreut. Der Schmuck des Stadtteils sind die klassizistischen Villen der Professoren, sein Herzstück ist das Studentenviertel.

Hier, in den Pinten und Kneipen um die Argelanderstraße, gibt es auch dann noch "Riefkooche" (Kartoffelpuffer) oder "halve Hahn" (Käsebrot), "Flöns un Öllisch" (Blutwurst mit Zwiebeln) oder Schmalzstullen, wenn zur Geisterstunde die Gaststätten der Innenstadt schließen. Zwar hat Bonn über 1000 Schankkonzessionen vergeben, bei knapp 700 Kilometern Straßennetz statistisch alle 700 Meter ein Zapfhahn, aber wer nach 23 Uhr noch warme Küche sucht, dem bleiben nur die Bahnhofsgaststätten. Selbst überregional bekannte Schlemmerstuben wie Ria Alzens "Maternus" in Godesberg, wo sich dann und wann bei Lammgerichten und erlesenen Weinen die Politprominenz trifft, und das "Chez Loup" mit seinen wöchentlich aus Paris importierten Ingredienzien der Nouvelle Cuisine, stellen spätestens Schlag zwölf den Ofen ab. Weltstädtisches Nachtleben sucht man in Bonn vergeblich. Die New Yorker Times folgerte: "Bonn ist nur deshalb nicht langweilig, weil es so nahebei interessanteren Städten liegt."