Von Christian Schmidt-Häuer

Moskau, im Dezember

Der offizielle Tenor ließ wie üblich auf sich warten. Als Introduktion spielten die sowjetischen Massenmedien die Version der japanischen Kommunisten ein: Die Normalisierung zwischen Peking und Washington sei an und für sich ein gewöhnlicher Schritt – aber viele Menschen in Japan befürchteten eine gefährliche Verschärfung der Spannungen. Die Armeezeitung Roter Stern hingegen erwähnte die Aufnahme der Beziehungen mit keinem Wort, Sie attackierte dafür aber Washington in unfreiwilliger Harakirimanier: "Jeder hat das Recht, seinen Alliierten nach eigenem Geschmack zu wählen. Seinerzeit prahlte zum Beispiel der Führer, er sei zu einem Bund mit dem Teufel bereit." Daß es Stalin war, der diese Rolle übernahm, wollte die Armeezeitung gewiß nicht in Erinnerung rufen...

Doch, so zorngeblendet wie im Roten Stern werden die Reaktionen Moskaus auf den Entschluß der Vereinigten Staaten in nächster Zeit nicht ausfallen. Die Prawda hat in ihrer ersten Stellungnahme am Dienstag diplomatische Zurückhaltung signalisiert: Die Feststellung Carters, daß die Normalisierung, mit Peking nicht zu Lasten, der Sowjetunion gehen werde, sei eine sehr wichtige Erklärung. Die Zeit müsse zeigen, ob sich auch die politische Praxis an diese Worte halten werde.

Jenseits von plakativen und praktischen Bewertungen sehen die Sowjets in der Aufnahme der Beziehungen einen geschickten Schachzug der Chinesen. Peking sei daran gelegen, die amerikanisch-sowjetische Annäherung zu durchkreuzen. Die Chinesen wollten die Schau stehlen in einem Augenblick, da die Außenminister Gromyko und Vance in dieser Woche in Genf den Salt-II-Vertrag über die Raketenbegrenzung endgültig unter Dach und Fach zu bringen versuchten, da sogar das lang erwartete Gipfeltreffen zwischen Carter und Breschnjew in greifbare Nähe gerückt sei. Wenn mit China alles so schnell und plötzlich zu regeln gewesen sei – so geben sich sowjetische Gesprächspartner hoffnungsvoll –, müsse das gleiche ja nun eigentlich und endlich auch für die Salt-Runde gelten.

Doch Mißtrauen, Mißgunst und der Mythos der chinesischen Gefahr wachsen weiter – trotz des offiziell leisen Echos. Volk und Führung empfinden da weitgehend gemeinsam. Kaum ein politisch orientierter Gesprächspartner, der sich nicht am Thema China festbeißt: "Ihr unterschätzt die Gefahr eines neuen Weltkrieges" oder "Mag sein, daß der Westen anfangs aus rein kommerziellen Gründen Militärausrüstungen liefert – aber am Ende bedroht uns der Waffenberg Chinas."

Die sowjetische Hysterie nützt aufs beste der chinesischen Isolierungskampagne. Jüngstes Beispiel ist die von Moskau seit Tagen und Wochen forcierte Tartaren-Meldung, Chinesen und Amerikaner bereiteten möglicherweise ein Sonderbündnis mit militärischem Charakter vor. Den Chinesen kann solche Propaganda nur recht sein – aber sie sehen viel nüchterner, daß Moskau für die Amerikaner weiterhin die wichtigste Station der Weltarena bleibt. "Diese Amerikaner sind leider viel zu inkonsequent", beklagte sich am Vorabend des Ereignisses ein Mitglied der chinesischen Botschaft in Moskau. "Die Russen brauchen nur zu winken, und gleich kommen die Amerikaner wieder gelaufen."