Das Profil eines unschönen Gourmets. Doch dieser perückenbesetzte Epikureer war ein halbes Jahrhundert der absolute Maßstab adliger Lebensart, der Manieren, des Geschmacks, der Konversation. Das Wachsbild zeigt Ludwig XIV. von einer, wörtlich genommen, unbekannten Seite. Es ist eines von 248 überwiegend farbigen Abbildungen in dem Geschichtsband

"Die großen Dynastien". Südwest Verlag, München 1978; 360 S., 68,– DM.

In dieser zuerst in Italien erschienenen Edition tauchen tausend Jahre europäischer Geschichte auf im Spiegel von siebzehn Dynastien in Deutschland, Frankreich, England, Spanien, Portugal, Italien, Rußland, genau: die Geschlechter der Kapetinger, Hohenstaufen, Plantagenet, Habsburger, Valois, Stuart, Tudor, Bourbonen (dreimal), Romanow, Braganza, Hohenzollern, Savoyen, Hannover-Windsor, Bonaparte, Wittelsbacher. In der Reihenfolge (ihres ersten historisch bedeutsamen Auftretens) werden sie von sechzehn Autoren der betreffenden Länder chronologisch dargestellt.

Da es "nationale" Betrachtungsweisen sein sollen – bei Dynastien ohnehin fragwürdig –, läßt sich der Verzicht auf die Karolinger vielleicht noch vertreten, nicht aber der auf Ottonen und Salier, ohne die die Machtstellung der Staufer unerklärlich bleibt. Ärger sind die inneren Mängel. Daß in der vorliegenden Sichtweise unbefangen Männer Geschichte machen (oder Frauen), mag noch hingehen, weil die ältere dynastische Geschichte die einzelverantwortlich handelnde Persönlichkeit weit stärker hervortreten läßt, als es die strukturelle Betrachtung der meisten jungen Historiker wahrhaben will.

Wenn aber bei den Staufern nicht erkennbar wird, warum unter Friedrich II. die Wende zum Landesfürstentum unwiderruflich wurde; wenn in dem flüssig geschriebenen, porträtbetonten Habsburg-Abschnitt von Musulin der Name Martin Luther nicht vorkommt; wenn Ludwig XV. und XVI, gezeichnet werden ohne Hinweis auf die geistigen Ereignisse der Epoche (Montesquieu, Voltaire, Rousseau) – dann können sich die "Strukturisten" nur bestätigt fühlen. Hier wurde mit Ausnahme weniger Annäherungen an Gewünschtes (wie Görlitz’ Hohenzollern-Abriß) ein Thema vertan. Stammtafeln ersetzen kein Register und kein synchronoptisches Tabellarium, wo man wichtige Zeitereignisse mit Herrscherfiguren in Beziehung gesetzt finden müßte. Ein optisches Prunkstück also, das weniger beim Bilderblättern als beim Lesen enttäuscht.

H. St.