Der Gang ins Leihhaus ist für viele schön liebe Gewohnheit

Von Esther Knorr-Anders

Unredliche Menschen, Wucherer und Ausbeuter, Betrüger und Schlitzohren an derlei unerfreuliche Leute dachte ich (und wohl nicht nur ich) unweigerlich, sobald ich über einer Toreinfahrt in der Stadt oder über einem Inserat in der Zeitung das Wort. "Pfandleihe" entdeckte. Stets erstarrten auf der geistigen Leinwand Bilder von schmuddeligen Hinterstiegen: Gebeugte Frauen trugen das letzte Andenken zur Leihe; Kinder rangen die Hände; entnervte Manner flehten den Himmel um Taler an.

So – und kaum anders – wird es gewesen sein. So ist es heute nicht.

Dieser Innenhof mit dem weitflächigen Betonboden ist von geradezu greller Sauberkeit. Weiße Hauswände umschließen ihn. Die Fenster im Parterre sind engmaschig vergittert. Eine der beiden Türen ist es auch. Ich nähere mich der unvergitterten Tür. Betrete einen kleinen Raum. Zwei Sessel, Aschenbecher, Blumen. Und wieder Gitter. Vom Tresen aufwärts bis zur Decke. Hinter dem Gitter wartet Herr M., der Geschäftsführer, mit dem ich verabredet bin; ich nehme an, er ist es.

"Sie haben den Publikumseingang benutzt. Sie müßten zur Lagertür kommen", sagt er.

Ich trete in den Hof zurück, auf dem sich noch immer weder Menschen noch Papierschnipsel befinden. Herr M. hält die Gittertür auf. Er schließt sie sofort hinter uns ab.