Daß die Beamten Diener des Staates sein sollen, ist ein alter preußischer Grundsatz. Darüber, daß sie es nicht immer sind, ist oft geklagt worden; häufig werden Beamte heute mehr als Nutznießer des Staates und weniger als seine Diener angesehen. Eines aber ist geblieben: Den Beamten ist–so der juristische Fachausdruck – "die Ausübung öffentlicher Gewalt anvertraut"; sie sind sozusagen der handelnde Arm des Staates. Das hat vor allem eine Konsequenz: Pflichtverletzungen von Beamten werden nicht nur nach den Gesetzen geahndet, die für alle anderen Bürger auch gelten, Beamte müssen außerdem mit einem Disziplinarverfahren rechnen, das ihre Karriere stoppen und in drastischen Fällen auch ihre "Entfernung aus dem Dienst" zur Folge haben kann.

Das Bundesverwaltungsgericht hatte kürzlich einen Fall dieser Art zu entscheiden. Ein Bundesbahnamtmann war Leiter eines Stadtbüros der Bundesbahn zur Kundenberatung, In seinem Büro war ihm als "Beihilfe" ein junges Mädchen zugeordnet, das seinen Weisungen unterstand. Als das Mädchen den Dienst antrat, bemerkte es bald, daß der Chef "bemüht war, das dienstliche Arbeitsverhältnis zu einer persönlich-vertraulichen Beziehung zu entwickeln". Sie wehrte sich gegen seine Annäherungsversuche, trotzdem wurde er immer zudringlicher.

Das Mädchen war froh, diesen Arbeitsplatz gefunden zu haben und wagte deshalb nicht, ihren Eltern oder ihrem Freund davon zu erzählen. Schon nach wenigen Wochen wurde aber der Amtmann handgreiflich, versuchte, sie "anzufassen", auch sie zu küssen, erzählte von den "mangelhaften sexuellen Beziehungen zu seiner Frau" und erklärte: "Ich brauche eine Mitarbeiterin, die lieb und nett zu mir ist und mit der ich eine Büroehe führen kann." Als sie abwehrend reagierte, fuhr er sie an: "Hab’ dich nicht so, so schön bist du auch nicht, du hast doch die richtige Figur fürs Bett, man sieht es dir an den Augen an, daß du so was auch gern hast."

Als die Redensarten obszön und die Handgreiflichkeiten massiv wurden, beschwerte sich das Mädchen schließlich beim Personalrat, und es kam zum Disziplinarverfahren. Das Bundesdisziplinargericht wertete das Verhalten des Amtmanns als Pflichtverletzung mit "besonderem disziplinarem Gewicht" und degradierte ihn zum Bundesbahnoberinspektor,

Dagegen wehrte er sich; dem Bundesverwaltungsgericht trug er vor, er habe im Krieg schwere Kopfverletzungen erlitten, das habe zu einer krankhaften Veranlagung im geistigseelischen Bereich, zu einer Wesensänderung, ja zu einer Art Charakterbruch geführt; seine Einsichts- und Steuerungsfähigkeit sei deshalb vermindert, und er könne für dieses Dienstvergehen nicht voll verantwortlich gemacht werden.

Das Bundesverwaltungsgericht akzeptierte dieses Argument nicht. Es rügte vielmehr ausdrücklich die "rücksichtslose Ausnutzung der Beamtenstellung und Vorgesetzteneigenschaft" gerade gegenüber einer jungen, unerfahrenen Mitarbeiterin. Auch "die Liberalisierung des Sexualstrafrechts hat nichts daran geändert, daß das Aufdrängen von Sexualhandlungen und die dabei angewandte Gewalt nach wie vor als verwerflich angesehen werden". Die im Krieg erlittene Hirnverletzung mindere seine Verantwortlichkeit nicht. "Es deutet nicht auf Krankhaftigkeit hin, daß er als ‚Schürzenjäger’ und vielleicht auch als ‚Aufschneider‘ in Erscheinung trat, denn in dieser Weise fallen auch Gesunde mitunter auf."

Auch ein Vergleich seiner sehr guten sonstigen dienstlichen Leistungen mit dem krassen Fehlverhalten gegenüber der Untergebenen lasse nicht auf eine krankhafte Wesensveränderung schließen. "Wenn das Interesse des Beamten am weiblichen Geschlecht... das Maß des Zulässigen überschritt, so ist dies kein Bruch im Charakter. Sexuelle Triebe und sexuelles Verhalten sind nicht mit den Dienstleistungen in Zusammenhang zu bringen, weil sie damit nichts zu tun haben." Die Höhe der Disziplinarstrafe müsse sich "am Ausmaß der Vertrauensbeeinträchtigung und dem Gewicht des ansehensschädigenden Verhaltens" orientieren. Wenn die dienstliche Einsatzfähigkeit des Beamten dadurch vermindert werde, so müsse er das hinnehmen.