Von Michael Skasa

Wie die Fliegen sterben sie und wie zerpatschte Mücken kleben sie vertrocknet an den Wänden ihrer Behausungen: die Bewohner des Gebirgslandes Österreich etwa, gemeinhin als kerniger Menschenschlag bekannt. Auf Bekanntschaften, scheint’s, ist kein Verlaß; bleibt wenigstens das Befremdliche uns sicher? "Es ist bekannt, daß im Traunviertel sehr viele Männer ihren Jagdschein nur zu Mordzwecken erwerben", heißt der Schlußpunkt unter einem Jagdunfallbericht. Wir wissen einfach zuwenig von der Welt, wir bleiben an den Bergen und sanften Tälern hängen, finden den Landmann rustikal und die Mozartstadt heiter; bloß den Wienern trauen wir von Haus aus jede Gemeinheit zu, die haben schon zuviel Vitriol veröffentlicht, die sind uns bis hinunter in ihr Kanalsystem suspekt. Nun aber, in dem neuen Buch von –

Thomas Bernhard: "Der Stimmenimitator"; Suhrkamp Verlag, Frankfurt, 1978; 179 S., 24,– DM

lauert hinter jeder Bergzacke ein Unhold, schwimmen Lodenmäntel von Getöteten, die "nur auf ein Bier gegangen und nicht mehr zurückgekommen" sind, in heimatlichen Bächen, werden in vergeßnen Silos plötzlich tote Soldaten in sogenannten Wehrmachtshemden" aufgefunden, 32 Jahre danach, andere wieder legen Pistolen oder Stricke an sich – und was ereignet sich in der Mozartstadt? "Bekanntlich hat Salzburg die höchste Selbstmordrate unter den Schülern in der ganzen Welt" (übrigens gibt es dort außer einem Dom und einer Burg auch Totengebein gegen Entrée zu besehen).

Und verläßt man Salzburg und das unheimliche Österreich, dann stürzt in Kairo leibermantsehend ein Aufzug in die Tiefe, geht in Südamerika ein "ursprünglich aus Eger stammender" Mann verschollen, werden in Bukarest Tausende von Erdbeben und in Portugal viele von "sogenannten Revolutionen" zermalmt. Und in Krakau, was passiert in Polen? "In Krakau, in welchem, wie bekannt ist, seit dem sogenannten Zweiten Weltkrieg der sogenannte Kommunismus herrscht, hat ein Mann immer, wenn er einen Besuch in der sogenannten Königsgruft auf dem Wawel gemacht hat, aus dem Sarkophag des letzten polnischen Königs die Königshymne gehört." Man sollte nirgendwo mehr hingehn und sich keinesfalls irgendwo sicher fühlen: "Die Erde ist eine dünne Kruste; ich meine immer, ich könnte durchfallen, wo so ein Loch ist. – Man muß mit Vorsicht auftreten, man könnte durchbrechen." Dies steht nun freilich bei Georg Büchner; Thomas Bernhard reißt die Kruste auf und siehe da, lauter Abgründe, lauter Bruch.

Anekdoten tischt er auf, Meldungen, die auf letzten Seiten von Zeitungen gehäufelt werden, Rubrik "Vermischtes aus aller Welt". Bernhard entmischt, mischt sich ein, zählt sachlich genau auf: wer? wo? was?, bläst die Begebenheiten genußvoll sorgfältig auf – und läßt sie trocken platzen. Das ist die bekannte List des Plauderers, Schnurrenspinners; dies Umgarnen mit Authentizität: "In Falun in Schweden küßte vor guten fünfzig Jahren und mehr ein junger Bergmann ...", so bei Hebel – und so schon bei Kleist: "In einem bei Jena liegenden Dorf erzählte mir auf einer Reise nach Frankfurt der Gastwirt, daß..." – und nicht anders bei Bernhard: "Ein Franzose ist in dem berüchtigten Kitzbühel allein deshalb verhaftet worden, weil ihn ein Stubenmädchen des Hotels Doppeladler beschuldigt hatte, er habe..."

Büchner, Hebel, Kleist – wir haben ein wenig üppig in die Ahnengalerie gegriffen, doch drängt sich die Erinnerung beim Lesen jener etwa hundert Anekdoten auf, am stärksten ohne Zweifel die an Kleist, inhaltlich wie stilistisch, besonders was er für seine Berliner Abendblätter geschrieben hat. Ich glaube, Bernhard bezieht sich ganz bewußt auf diese Tradition; schon wie er Satzbandwürmer dergestalt stapelt, daß ein endlich fertiger Satz oft die Geschichte zur Hälfte füllt, wie er ältlich-preziöse Wörter in nicht zu übersehender Künstlichkeit einflicht; so gibt es kaum eine Seite, auf der nicht "naturgemäß" und "tatsächlich" ihren Platz haben, mitunter mehrfach und meist in provozierend-irritierendem Zusammenhang, bis wir endlich merken, daß dies "naturgemäß" genau wie das "bekanntlich" ein Begriff aus Bernhards rigorosem Katalog alleszermalmender Unfehlbarkeit ist: Wer die Natur als Kronzeuge anruft, ist nicht zu widerlegen. Daß Gendarmen naturgemäß jemandem nicht glauben, Beamte sich naturgemäß der Zustimmung ihrer Regierung versichern, Staatspräsidenten naturgemäß ihre Staaten in den Ruin führen und daß sie ebenso "naturgemäß sehr oft auf die grausamste Weise" umgebracht werden –, es hat schon fatalistische Ausmaße, was gemäß dieser Natur so alles geschieht; kein Wunder, daß vieles ganz und gar rätselhaft bleibt, sinnlos oder grotesk; häufig derart, daß man "Ja und" rufen möchte, "wie geht’s weiter? und "warum erzählst du uns das?" Es geht eben nicht weiter, die Welt ist so verrückt, die Natur macht vielleicht keine Sprünge, aber sie schüttelt sich bisweilen (wieder Büchner: "Was ist das Resultat? Eine unbedeutende, im großen und ganzen kaum bemerkbare Veränderung der physischen Natur, die fast spurlos vorübergegangen sein würde, wenn nicht Leichen auf ihrem Weg lägen").