Von Gerhard Drekonja-Kornat

Einen Flugneurotiker wie mich muß man schon mit einem Jahrhundertding ködern, ehe ich einen Hubschrauber besteige. Aber da Alvaro Soto Holguin, Direktor des kolumbianischen Anthropologie-Instituts, eine Entdeckung versprach, die die Archäologie Südamerikas auf den Kopf stellen sollte, kletterte ich am karibischen Sandstrand von Santa Marta in die Flugmaschine.

Der Pilot peilte das gewaltige Santa-Marta-Massiv an, drückte den Hubschrauber in nebelverhangene Dschungelschluchten, steuerte schlingernd durch Regenschauer und über Hügelketterplattform auf. So schien es. Doch in Wahrheit stand der Hubschrauber nicht auf einer Landeplattform, sondern auf dem tausend Jahre alten Zeremonialring von "Ciudad perdida", einer einst dichtbesiedelten Indianerstadt, deren Spuren nach der spanischen Eroberung verlorengegangen waren.

Megalithkulturen, Steinbauten, aus behauenen Steinen errichtete Städte – das alles hatte die archäologische Fachdisziplin für Amerika bisher nur den Mayas, Inkas und Azteken zugetraut. Andere Indianerstämme galten als zweitklassige Randkulturen. Mit der schrittweisen Rekonstruktion der zu zivilisatorischen Höchstleistungen fähigen Valdivia-Kultur (an der Pazifikküste von Ecuador) waren erste Korrekturen fällig geworden. Hier nun aber, in Ciudad perdida", der "verlorenen Stadt", werden die Bücher einer ganzen Archäologen-Generation korrigiert; denn es stellt sich heraus: Die bislang geringgeschätzte karibische Marginalkultur übertrifft, was ökologische Kapazität und Lebensqualität angeht, sogar die aggressiven Imperien der Inkas und Azteken. "Ciudad perdida" liegt als Steinterrassenstadt im Santa-Marta-Massiv auch keineswegs isoliert: Im heute dschungelüberwucherten Bergland verbergen sich die Reste von zweihundert bis dreihundert solcher urbanen Agglomerationen, die damals, vor der Ankunft der Spanier, Wohnstätten für eine Million Menschen waren.

Freilich – Soto Holguin betont es immer wieder – bleibt vorerst, solange die Ausgrabungen nicht abgeschlossen sind, jede Aussage über die Siedlungen an den Santa-Marta-Abhängen noch problematisch. Immerhin rehabilitiert "Ciudad perdida" auf jeden Fall jene spanischen Chronisten, die im 16. Jahrhundert Augenzeugen der spanischen Eroberung im Einzugsbereich der fast 6000 Meter hohen Sierra Nevada de Santa Marta im kolumbianisch-venezolanischen Grenzland waren. Gonzalo Fernandez de Oviedo y Valdés, Fray Pedro Simon, Fray Pedro de Aguado und der Reimchronist Juan de Castallanos ("Elegias de Varones Ilustres de Indias") hatten in ihren Geschichten von fabelhaften Stadtsystemen (mit Namen wie Pocigueica, Betoma, Tairönaca oder Bonda) der Tairona-Indianer berichtet. Inzwischen wuchert im Santa-Marta-Bergland nichts anderes als der Urwald, und die Erben der Tairona, die Kogi-Indianer, leben heute verstreut unter scheinbar primitiven Verhältnissen. Aber die Chronisten hatten nicht geflunkert.

Als grobe Eroberer begriffen sie freilich nichts vom zivilisatorischen Wert der Terrassenstädte. Auch dokumentierten sie ohne Bedauern deren Zerstörung: 1599 organisierten die Indianervölker eine militärische Rebellion gegen die geldgierigen, von bekehrungswütigen Missionaren umschwärmten Eindringlinge. Doch hatten sie gegen die spanischen Verstärkungen keine Chance. Einmal geschlagen, würden die Indianer Opfer eines furchtbaren Rachgerichts. Den Überlebenden wurde verboten, weiterhin in den Terrassenstädten an den Berghängen zu siedeln Die Tairona-Kultur ging in Rauch und Feuer auf. Einige Untaten müssen sogar den hartgesottenen Juan de Castellanos verunsichert haben, denn er berichtet emotioneller als sonst üblich vom Befehl des Hauptmanns Piñol, allen gefangenen Indianern "Nasen, Ohren und Lippen abzuschneiden".

Während die wenigen Überlebenden sich in der Einsamkeit verloren, wucherte auf der verbrannten Erde der Regenurwald, alte Sagen und Mythen erstickend. Nach 1940 drang der aus Österreich gebürtige, inzwischen längst kolumbianisierte Anthropologe Reichel-Dolmatoff in die verwachsene Küsten- und Bergregion ein, die heute Lebensraum der Kogi-Indianer ist. Bei einigen Grabungen stieß er nur auf die Spuren relativ einfach strukturierter Indianergemeinschaften, so daß kein größeres Forschungsprojekt in Gang kam. Erst viel später wendete sich das Blatt, nachdem Santa Marta, das heute ein lärmender Badeort an der Karibik ist, in den fünfziger Jahren seinen Bevölkerungsüberschuß an den benachbarten Berghängen hatte siedeln lassen und damit eine ökologische Katastrophe angebahnt hatte: Die Siedler hackten und brannten Land frei, bebauten es zwei, drei Jahre lang mit Mais, Bananen, Kaffee und zogen dann, Erosionsnarben zurücklassend, bergaufwärts.