Von Marion Rollin

Eigentlich eine ganz normale Familienszene: Am 24. Dezember 1978 wird Klaus R. vor Seiner Wohnungstür in Hamburg-Wandsbek stehen und klingeln. Seine drei, Kinder – die zehnjährige Christa, der achtjährige Ralf und Susanne, die jüngste – und seine Frau Anke werden ihm öffnen und ihn herzlich begrüßen. Eigentlich eine ganz normale Familienszene. Doch für Klaus R. und seine Familie ist sie außergewöhnlich. Zum erstenmal seit sieben Jahren wird er Weihnachten wieder zu Hause feiern.

Schon wenige Wochen nach der Geburt seiner jüngsten Tochter R. nach schwerem Raubüberfall ins Gefängnis. Seitdem, besuchte ihn seine Frau alle zwei Wochen für eine Stunde – unter Aufsicht. Sieben Jahre lang. Nur selten war eines seiner Kinder mitgekommen. Sie hatten sich vor der Anstaltsatmosphäre gefürchtet. In 18 Monaten wird Klaus R. entlassen werden. Er hat deshalb jetzt laut Gesetz Anspruch auf Hafturlaub, auf insgesamt 21 Tage im Jahr. Weitere Urlaubsbedingungen: Er muß sich während seiner Haftzeit "gut geführt" haben, und eine "günstige Kriminalprognose" muß zu erwarten sein. Außerdem mußte Klaus R. "eine Einladung vorweisen, aus der hervorgeht, daß für Kost und Logis eine Person mit festem Wohnsitz aufkommt". Klaus R. erfüllt die Bedingungen und erwartet sehnsüchtig den 24. Dezember 1978. Nach einer Woche Urlaub, Silvesterabend, wird er in die Haftanstalt zurückkehren müssen.

Wie für Klaus R. werden sich für Hunderte von Strafgefangenen in der Bundesrepublik zu Weihnachten die Tore der Haftanstalt öffnen, damit sie das Fest zu Hause feiern können. Sie machen von Urlaubsregelungen Gebrauch, die am 1. 1. 1977 mit dem neuen Strafvollzugsgesetz in Kraft getreten sind. Nach jahrelangem Ringen wurde damals schließlich ein Gesetz daraus, das Strafe nicht länger nur als Vergeltung der Schuld verstehen will, sondern als Chance für den Häftling, sich zu wandeln.

Eben diesen Leitgedanken beinhaltet § 2 des Strafvollzugsgesetzes: "Im Vollzug der Freiheitsstrafe soll der Gefangene fähig werden, künftig in sozialer Verantwortung ein Leben ohne Straftaten zu führen". Um das zu erlernen, soll "das Leben im Vollzug... den allgemeinen Lebensverhältnissen so weit als möglich angeglichen werden" (§ 3 des Strafvollzugsgesetzes).

Das heißt, der Häftling soll schon vor seiner Entlassung Stück für Stück die Freiheit erproben können und lernen, sich in ihr selbständig zurechtzufinden. Diese schrittweise Überleitung ins Leben ohne Gitter, ohne Regeln wird in den bundesdeutschen Haftanstalten unterschiedlich praktiziert. Die einen Anstaltsleiter lockern mehr, die anderen weniger, die einen taten es auch ohne gesetzliche Rückendeckung, die anderen öffnen ihre Tore erst seit dem Januar 1977.

Hat diese Vollzugsreform sich bisher bewahrt? Wird Klaus R. sich am Silvesterabend in der Haftanstalt rechtzeitig zurückmelden? Wer eine lange Reihe von Zeitungsartikeln aus den letzten beiden Jahren zum Thema "Lockerung im Strafvollzug" aufblättert, der muß Bedenken haben. Es findet sich kein einziger Bericht über einen Hafturlaub, der glattgegangen ist. Laut Pressemeldungen scheint es nur Pannen gegeben zu haben. Hier einige der Schlagzeilen, die auf unterschiedliche Fälle in knapper Zeitfolge aufmerksam machen: "Neue Straftat im Regelurlaub" (Berliner Tagesspiegel), "Urlaub aus dem Knast: Überfall" (Hamburger Morgenpost), "Die Einbrecher kamen direkt aus der Strafanstalt" (Hamburger Abendblatt), "Coup im Gefängnisurlaub" (Süddeutsche Zeitung), "Vier Häftlinge planten 20-Millionen-Ding" (gemeint war der Fall Quandt, der nie zum Fall wurde).