Wer kein Morus-Spezialist ist", schreibt Peter Berglar in seiner soeben erschienenen Morus-Biographie, "weiß von ihm nur zwei Dinge: Er schrieb ein Buch mit dem Titel ‚Utopia‘ und er wurde geköpft."

Aber Thomas More, der Humanist Thomas Morus, war eine der lautersten und interessantesten Gestalten zwischen Mittelalter und Neuzeit, Jurist und Mitschöpfer der englischen Schriftsprache, Freund des Erasmus wie des Ehescheidungsspezialisten Heinrich VIII., Vorbereiter der Reformation, unwissentlich, dann Verteidiger des alten Glaubens, willentlich: Lordkanzler von England, erster Laie in diesem höchsten Staatsamt, und von König Heinrich zum Tode auf dem Schafott begnadigt (1535), Höfling und Heiliger (1935 auch offiziell von Roms Gnaden), zugespitzt: kein Mensch in seinem Widerspruch, sondern, mit kleinen Fehlern, ein gelungenes Exemplar Mensch. Als der Kronanwalt dem Häftling, zum Zeichen des beschlossenen Todes, Bücher, Manuskripte, Papier und Tinte wegnahm, verdunkelte More am hellichten Tag sein Zimmer im Tower mit den Worten: "Wenn Ladentisch und Handwerkszeug fortgeholt werden, ist es Zeit, das Geschäft zuzumachen."

Sein Buch "Utopia" schrieb er 1515 auf 16, 37 Jahre alt, kurz vor Luthers Wittenberger Donnerschlag, kurz vor Eintritt in des Königs Dienst, kurz nach dem "Principe" des Machiavell. Das Datum ist wichtig. Denn, hätte Morus den fürchterlichen Luther (und damit die Wirkungen des eigenen Humanismus) schon gekannt, es gäbe wohl schwerlich die Insel "Utopia", wo religiöse Toleranz herrscht und alle Utopier einen unbenennbaren Gott unter dem Sammelnamen "Mythras" verehren. Einer ganzen Schrifttumsgattung fehlte dann das Kennzeichen. Der Titel "Utopia" ist aus dem Griechischen und heißt etwa "Nirgendsland", in einem Brief an Erasmus von Morus in lateinisch "Nusquama" übersetzt. Aber wie würde das in der Überschrift klingen, Nusquama, wie würde das klingen, ein "Nusquamie"? Zu allem Überfluß erfand Morus für sein wohlklingendes Utopia einen Uralt-Gründer namens Utopus. Wie kam Thomas More, dieser heiter in sich gekehrte Asket, dazu, von Karl Kautzky mit dem Titel "Vater des utopistischen Sozialismus" beehrt zu werden?

Weil er, konsequenter als Plato, seinem Staatsentwurf die Abschaffung des Privateigentums wie auch des Geldverkehrs zugrunde legte. Diesem Vorhaben steht die "superbia" entgegen, der Hochmut und die Hoffart, das Mehr-sein-Wollen als andere, das Status-Denken, der Konsum-Terror. Wer nach Kambodscha blickt, kann sogar in diesem Schreckensbild eines sozialistischen Landes noch Züge der Rigorosität und Einförmigkeit der Morus’chen Utopie ausmachen. "Wenn ihr wollt, ist es kein Märchen", schrieb Theodor Herzl über seine Utopie vom Judenstaat.

Die "Utopia", ein etwas hingehuschtes, in sich widersprüchliches Geniewerk, wird von vielen gelehrten Leuten zu gründlich examiniert. Sie ist ein höchst ernsthaftes Gedankenspiel. Der Autor hält die Verwirklichung für unmöglich, aber die Ideen selbst für denkmöglich.

Er war ein gewissenhafter Beamter, ein Günstling des mit einem großen Magen begabten Regierungschef Kardinal Wolsey, er wurde mit Ehren und Pfründen, mit Geld und Gut reichlich ausgestattet. Außer in seiner "Utopia" ist er ein Anhänger des Privateigentums, etwa mit dem gängigen, darum allein ja noch nicht unrichtigen Argument: Wie sollte der Schneider sein Auskommen finden, ohne den reichen Mann, der einen Anzug bei ihm bestellt?

Ein Gedankenspiel, aber doch nicht ohne Verbindlichkeit. Morus, der Epikureer, trug heimlich ein härenes Hemd auf bloßer Haut, er trieb die Frömmigkeit bis zur blutigen Selbstgeißelung (mit so einem Menschen konnte König Heinrich nur durch Vermittlung des Scharfrichters reden).