Zwei Personen: Triletzki, ein junger, schon verfettender Arzt, und Anna Petrowna, Witwe eines Generals, Herrin über ein verschuldetes, herunterkommendes Gut in der südrussischen Provinz. Es ist sommerlich schwül, man hat nichts zu arbeiten, macht Konversation. "Ist was?", fragt Triletzki die offensichtlich erschöpfte Generalin. Deren Antwort: "Nichts ... Ich langweile mich."

Mit diesem Wortwechsel beginnt das dramatische Werk von Anton Tschechow, beginnt das "Stück ohne Titel", das Tschechow als Zwanzigjähriger schrieb, nie vollendete, das man erst in seinem Nachlaß fand, nach seiner Hauptfigur dann "Platonow" nannte. "Nichts ... Ich langweile mich" – das ist, als habe der Stückeschreiber Tschechow schon in seinem allerersten Dialog alle späteren Dialoge vorweggenommen; als sei alles, was er danach schrieb, unendliche, unendlich reiche Variation zu diesem einen, sofort gefundenen, lapidar formulierten Thema; als seien alle seine Stücke in Wahrheit ein einziges Stück.

Eine "Enzyklopädie des russischen Lebens" wollte Tschechow mit dem "Platonow" schreiben. Das Stück ist mindestens eine Enzyklopädie von Tschechowschen Sätzen, Stimmungen, Situationen. In den ungefähr zwanzig Personen, die das (monumentale) Fragment vorführt, erkennt man alle Figuren aus den späteren, viel berühmteren Stücken wieder: die alte herrschende Klasse und die neue, die verarmenden Adligen und die Neureichen; die Menagerie in den vergammelnden Salons, die Spieler, die Trinker, die Schmarotzer; die Männer mit ihrem radikalen Gerede von einem "neuen Leben" und ihrem mutlosen Zurückweichen, wenn die Frauen sie beim Wort nehmen wollen; die Liebesgeschichten ohne Liebe; die melodramatischen Zuspitzungen (wenn einer schießt oder erschossen wird); die Skandale und Affären, die nur ein anderer, heftigerer Ausdruck der allgemeinen Langeweile und Lähmung sind. Und das Gefühl aller, in einer untergehenden, weil unnütz gewordenen Welt zu leben. "Wir sind ein verlorenes Volk! Keinen Groschen sind wir wert! Kein Mensch, auf dem das Auge ruhen könnte! Wie ist das alles niedrig, schmutzig, zerschlissen..." Der das sagt, Platonow, ist von allen Helden Tschechows der lauteste, bitterste, radikalste – und doch auch der untätigste und feigste. Ein radikaler Denker und skrupelloser Schwätzer. Ein Anarchist und ein Kleinbürger. Ein Don Juan und ein Mäuschen.

Der Dramatiker Thomas Brasch ("Rotter", "Lovely Rita") hat das Stück für die Freie Volksbühne, für den Regisseur Luc Bondy neu übersetzt und bearbeitet. In Berlin fängt das Stück anders an: nicht mit einem Dialog über die Langeweile- (und die Langeweile in der Liebe), sondern mit einem trübsinnigen Gruppenbild. Es geht um Geldgeschäfte: man redet über Schulden, pumpt sich gegenseitig an, macht schnoddrige Konversation. Wenn Triletzki auftritt, sagt er gleich: "Ich brauche dringend Geld." "Gib mir auch einen Rubel", ist der Auftrittssatz der Generalin. Bei Tschechow redet jeder, der kommt, erst einmal über die hochsommerliche Hitze.

Brasch hat keine der heute so beliebten, flüchtigen, nur zum Zwecke des Tantiemenerwerbs hergestellten "Bearbeitungen" gemacht. Er hat das Stück von fünf Bildern auf drei konzentriert; hat Figuren weggelassen, Szenen von einem Akt in einen anderen verpflanzt, Texte ergänzt und neugedichtet – und hat jedes seiner dramaturgischen Manöver intelligent begründet. Doch daß diese Riesenarbeit eine des Sisyphos war, daß ein viel schlichteres Verfahren, nämlich Peter Urbans höchst lesbare, bestimmt auch spielbare Übersetzung (erschienen als Diogenes Taschenbuch 50/VII) rigoros zu kürzen, einen lebendigeren Theatertext ergeben hätte, ist nach Bondys Inszenierung leider ziemlich wahrscheinlich. Denn Braschs Bearbeitung, die das Stück härter, karger, prosaischer macht, tilgt auch seine wichtigste Eigenart: "Platonow", das Stück ohne Titel, ist ein Stück voller Fehler, melodramatisch übersteigert, rhetorisch ausschweifend – das Anfängerstück eines Autors, an dessen unfehlbare "Meisterschaft" wir uns ehrfürchtig gewöhnt haben. Kein stilles Stück, sondern eines voller Krach. Kein Meisterwerk, sondern ein dramatischer Bastard: ganz nah manchmal der anarchistischen Romantik, noch näher oft der Posse. Wie ein Vorläufer Baals sieht Platonow manchmal aus – doch wenn man dann genauer hinschaut, hat er plötzlich die Züge eines zappelnden Spießbürgers aus einer Farce von Feydeau.

Von dieser Wirrheit, Wildheit, auch Trivialität ist in Braschs sehr ehrgeiziger Bearbeitung wenig, in Bondys sehr angestrengter Inszenierung fast gar nichts übriggeblieben. Der erste Akt: farblose, ziemlich gereizte Leute bei ihren alltäglichen, abgenutzten, ziemlich gereizten Konversationen. Ein trübes, gewittriges Bühnenlicht macht die Figuren noch blasser, einander ähnlicher. Zerbröckelndes Gerede vor zerbröckelndem Gemäuer: Bondy und sein Bühnenbildner Uwe Oelkers haben diesen Akt ins Freie verlegt, auf einen weiten, staubigen Hof, der begrenzt wird von einem verwitternden, ehemals prunkvollen Torbogen. Rechts in die Mauer ist ein kleiner Verschlag eingebaut, Hühner darin.

Die unbeschönigte, von keiner Larmoyanz verklärte. Abbildung von Trostlosigkeit: das ist der richtigste, aber auch riskanteste Weg für eine Tschechow-Inszenierung. Den Zuschauer zwingen, sich für offenkundig uninteressante Leute zu interessieren; die Langeweile spannend machen, sie aber nicht mit Kunst weglügen. Dem vielleicht zu leuchtenden Bild spätbürgerlicher, spätrussischer Kläglichkeit (wie es Peter Steins "Sommergäste" zeigten) ein wahrhaft klägliches entgegenzusetzen. Lieber eine zusammenhanglose Anhäufung von Individuen (und Schauspieler-Individualitäten) zu präsentieren als das Trugbild vollendeter "Ensemblekunst".