Schon im Flur höre ich den Toni in der Küche sagen: "Die wird schö’ schnaufn, die Frau", und die Bäuerin mahnen: "Kinder, lauft net wie die Has’n, wenn die Frau mit euch zur Schule geht." Beim Eintreten schauen mich alle erwartungsvoll an, die Frau aus der Stadt, die sich da in einen Südtiroler Bergbauernhof eingenistet hat. "Ich bringe Ihnen Speck, Kaffee, Topfen und Käse", sagt die Bäuerin sofort und wischt sich die Hände an der Schürze ab: "Wollen Sie nicht doch in die Stub’?"

Kopfschüttelnd sieht sie mich dann mit den Kindern auf der Küchenbank sitzen, mit der siebenjährigen Christine, die fast noch längere Zöpfe als ihre zehnjährige Schwester Paula hat, und dem gewitzten, achtjährigen Toni.

Wir tunken kleine, knusperige Brotstücke in Schalen mit sahniger Milch, Stücke, die der Vater, bevor er zum Füttern in den Stall gegangen ist, in der "Brotgrommel" mit dem scharfen Messer vom beinharten "Kümmelbreadl" abgeschlagen hat. Wärme kriecht vom großen Küchenherd in unsere Ecke, es duftet nach Harz und frischem Holz, die Bäuerin schürt das Feuer. Sechs Uhr morgens ist es, und vor den Fenstern nichts als stockfinstere Nacht.

Die Mädchen ziehen bunte Kleiderschürzen über die Hosen und schlüpfen in Mäntel, an denen der angenähte Pelzstreifen nicht der Verschönerung, sondern allein der Verlängerung dient. Das Kopftuch wird mit Bedacht gewählt, es ist Advent, und da geht es vor der Schule noch "zur Mess’", nicht nur zweimal die Woche wie übers Jahr, sondern Tag für Tag, den ganzen Weihnachtsmonat lang.

Draußen prickelt die Kälte auf dem Gesicht, knarrt der Schnee bei jedem Schritt; manchmal glitzern Eisplatten im Sternenlicht. "Fallen Sie nicht", sagen die Kinder höflich. Wir haben eine dreiviertel Stunde Fußmarsch bis Oberradein.

Zehn Minuten laufen wir die Straße hoch, die sich erst seit sieben Jahren, am Pitschlhof der Familie Gallmetzer in 1400 Meter Höhe vorbei, von Kaltenbrunn nach Oberradein in langen Kurven zieht. "Jetzt, wo die Straße da ist", so beginnen viele Sätze der Bäuerin Theresia, die alle Theresl nennen. Mit der Straße haben die Nacht, der Winter und der Sturm von ihrem Schrecken verloren, jetzt kommen die Autos von Montan und von Cavalese, der Tierarzt in Neumarkt ist nah und auch das Krankenhaus in Bozen.

Wir biegen in einen steilen Waldweg ab, die Abkürzung nach Oberradein, einem Flecken mit Schule, Kirche, ein paar Höfen und zwei Hotels, dem "Berghof" und dem "Zirmerhof", die immerhin schon Gäste wie Ferdinand Sauerbruch und Max Planck beherbergt haben.