Bad Lippspringes Kurdirektor Lincke prägte für das Selbstverständnis eines (seines) Kurorts die goldene Formel: "Ausgleich des klinisch Notwendigen und des wirtschaftlich Vertretbaren." Beherzigenswert namentlich in einer Zeit der Rezession, Kostenexplosion in der Krankenfürsorge und zusehends kritischeren Zweifeln an der Effizienz herkömmlicher Heilkuren.

Das Diktum kennzeichnet die heroischen Anstrengungen der kleinen Kurstadt (12 000 Einwohner) zwischen Teutoburger Waldund der Heidelandschaft Senne, der Kur nach Krieg und Besatzung wieder auf die Beine zu helfen, einer sinnvollen Indikation über die umstrittene Heilkraft der Quellen hinaus wissenschaftliche Grundlage zu verschaffen sowie den Kurapparat ökonomisch zu organisieren.

Bad Lippspringe wandelte sich in einem Vierteljahrhundert vom klassischen Kurort für Krankheiten der Atemwege zum klinisch-diagnostischen Zentrum für Asthma und Allergie, die ursprüngliche Indikation (Tuberkulose) zur Gegenindikation.

Die Entwicklung zum Asthma-Spezialbad wurde eingeleitet durch Gründung eines Allergien-Testinstituts, aus dem später das bedeutende Asthma- und Allergie-Forschungsinstitut hervorging. Professor Hansen, Nestor der klinischen Allergieforschung in Deutschland, hat Bad Lippspringe den Ehrentitel eines "Vororts der Deutschen Gesellschaft für Allergieforschung" zuerkannt. Das Allergie-Institut, dessen Arbeit heute in der Karl-Hansen-Klinik fortgesetzt wird, war mit den ebenfalls in den fünfziger Jahren ins Leben gerufenen Instituten für Balneologie und medizinische Aerosolforschung das hellste Licht im wissenschaftlichen Dreigestirn über Lippspringe. Das Bad scheute keine Mühe, sich für das klinisch Notwendige neuer Indikationen (außerdem Magen, Dann, Leber, Galle, Herz, Kreislauf) zu legitimieren.

Das wirtschaftliche Engagement der Stadt war ebenso konsequent. Nach Kriegsende erwarb die Gemeinde sämtliche Kureinrichtungen aus dem Besitz verschiedener Kurgesellschaften. Die Stadt wurde ausschließlich Trägerin des Heilbads. 1952 gründete Bad Lippspringe eine GmbH mit 16 Prozent Beteiligung des Landkreises Paderborn. Die Gesellschaft gliedert sich heute in die "Kurverwaltung GmbH" und die "Kuranstalten und Forschungsinstitute GmbH", beide unter der geschäftsführenden Leitung des Kurdirektors Günther Lincke sowie des kaufmännischen Direktors Horst Birwe.

Zur Kurverwaltung gehören Kurhaus und Kurhotel, drei Kurparks, zwei Quellen nebst Trinkhallen und ein Therapiezentrum (Stammkapital 1,1 Millionen, Jahresumsatz 5,5 Millionen Mark). Die Gesellschaft Kuranstalten und Forschungsinstitute verwaltet sechs Kliniken beziehungsweise Sanatorien (insgesamt über 900 Betten) für Atmungswegeerkrankungen und Allergien, Allergiediagnostik, Verdauungs- und Stoffwechselleiden, Herz-Kreislauf schaden, Krankheiten des Bewegungsapparats und Stoffwechselleiden (Stammkapital 1,8 Millionen, Umsatz 76 Millionen Mark). Beide Gesellschaften beschäftigen 450 Angestellte, darunter über 30 Klinikärzte. Hinzu kommen 15 private Kurärzte. Gesamtzahl der Betten: 3140.

Die Politik der Kurort-GmbH, das klinisch Notwendige mit dem wirtschaftlich Vertretbaren zu koordinieren, war von Erfolg gekrönt. Zwischen 1954 und 1975 stieg die Zahl der Kurgäste von jährlich 8500 auf 27 000 mit rund 800 000 Übernachtungen. Investitionsfreudige Initiative half über die Rückschläge des Rezessionsjahres 1976 hinweg (Minderung der Kurgastzahlen um elf, der Übernachtungen um rund 20 Prozent): "Wenn die Kliniken nicht gebaut worden wären, hätten wir heute keine Patienten der Versicherungsanstalten mehr." In Bad Lippspringe sind enthalt an der Gesamtzahl der Kurgäste (1977: 26 300) zu 45 Prozent, Sozialpatienten bei durchschnittlich 28 Tagen Aufenthalt an den Übernachtungen (1977: 584 500) jedoch zu 80 Prozent beteiligt. Wolfgang Boller