Die Tür öffnet ein kleiner Chinese mit beinern-zeitlosem Gesicht. Er bittet in perfektem Deutsch (mit leichtem k.u.k.-Akzent) ins Haus.

Das also ist es, und es ist mehr als ein Haus, ist ein sprechendes Fabelwesen, eine Mischung aus hoch auf den kalifornischen Felsen gestrandetem Schiff und Schatzkästlein, Feuchtwangers 1941 erbautes Haus in Pacific Palisades bei Los Angeles. Ein Haus, das erzählen kann. Durch den Mund des schönen, alterslosen Chinesen.

Es ist Lion Feuchtwangers drittes Haus. Das erste stand in Berlin im Grunewald, und als der Büchernarr die Bibliothek fertig eingerichtet hatte, mußte er weg; das war 1933. Der weltberühmte Autor des "Jud Süß", dessen über zwei Dutzend Romane in 48 Sprachen übersetzt und dessen Bücher in der Sowjetunion in mehr als zehn Millionen Exemplaren verbreitet sind (vor Goethe der meistgelesene deutsche Autor) und der mit Brecht gemeinsam das "Kommunistische Manifest" in Verse setzen wollte – Lion Feuchtwanger, EK I-Träger des Ersten Weltkriegs, mußte als einer der ersten Exilschriftsteller Haus und Stadt und Land verlassen.

Er ging nach Südfrankreich, er kaufte ein Haus in Sanary-sur-Mer, er richtete eine kostbare Bibliothek ein, und als es alles fertig war, mußte er fliehen. Er kam in eines der berüchtigten französischen Internierungslager, dorthin, wo Walter Benjamin und Walter Hasenclever sich töteten und von wo Willi Münzenberg in den Tod floh. Seine so bezaubernd schöne wie energische Frau, Dollars im Rocksaum und Flirt in den Augen für die französischen Bewacher, floh aus dem Frauenlager Gurs, in das man sie gesperrt hatte, wo man von erschlagenen Ratten und gebrannter Gerste lebte, – flüchtete ins amerikanische Konsulat in Marseille. Dort lag ein persönlicher Brief von Präsident Roosevelt: "Ich bitte herauszufinden, wo mein Freund, der deutsche Schriftsteller Lion Feuchtwanger, sich aufhält. Ich weise jede amerikanische Dienststelle an, jegliche erdenkliche Hilfe zu leisten."

So parkte bald in der Nähe des Flusses, in dem die Häftlinge sich einmal in der Woche waschen durften, ein amerikanischer Diplomatenwagen, in dem ein selbstvergessenes Liebespaar sich küßte – Marta Feuchtwanger und ein Attache sie "kidnappten" ihren Mann, in Kleidern, Hut und Schleier entkam "unsere Schwiegermutter" durch alle Kontrollen, schließlich zu Fuß über die Pyrenäen und irgendwann nach Amerika.

Ein Haus erzählt. Die Wände, die Möbel, jeder Schrank atmet Geschichte. Unsere Geschichte. Die Geschichte der Deutschen – nicht von Diwald. Man kann durch dieses 30-Zimmer-Haus wandern wie durch lebendig werdende Vergangenheit, in der Schuld und Farce, Anekdote und Schicksal so dicht nebeneinander liegen. Zu einem besonders schönen Tisch sagt der alterslose Chinese: "Ja, das war auch Heinrich Manns Lieblingstisch", und zu einem zittrigen Bleistiftzettel: "Das ist einer der wenigen Briefe von Nr. 384 aus dem KZ Esterwegen: Carl von Ossietzky." Da gibt es ein freundlich-bescheidenes Abwehrschreiben von Eleanor Roosevelt: "... aber ich habe doch nur das Selbstverständliche getan" oder den Dankesbrief des deutschen Schauspielers Alexander Granach, der in der Sowjetunion "verschollen" war und für den der "fellow traveller" Feuchtwanger bei Stalin persönlich (erfolgreich) interveniert hatte. Im kalifornisch üppigen, gänzlich verwilderten Garten, der sich in Terrassen den Berg hinunterzieht ohne ersichtliches Ende, steht ein derber, einfacher Holzstuhl neben einem ebenso schlichten Tisch: "Der Stuhl von Brecht, er war ganz billig, da saßen die beiden Stunden um Stunden, und der von Feuchtwanger ist ganz zerfallen."

Brecht liebte Feuchtwanger, neidete ihm nicht einmal Erfolg und Vermögen (fast alle Romane Feuchtwangers erschienen in USA in Riesenauflagen und wurden von Buchklubs und Hollywood unter Lizenz genommen; er war der König eines Genres, des historischen Romans). Seit man dem jungen Mann in Augsburg, der nicht wußte, was er mit seinem ersten Stück anfangen sollte, geraten hatte, "gehen Sie nach München zu Feuchtwanger", bewahrte er ihm seine Freundschaft.