Klagelieder vor Werkstoren und in Chef etagen: Furcht um Verlust von Arbeitsplätzen

Von Dieter Buhl

Dortmund, im Dezember

Von der Gichtbühne des Hochofens rund 45 Meter über dem Terrain der Hoesch-Hüttenwerke bietet sich ein sonderbares Bild. Unten, in dem hellerleuchteten Gewirr aus Stahl und Stein herrscht Totenruhe: Kein Mensch ist in den Werkshallen von Hoesch zu sehen, kein Rad dreht sich, keine Lok fährt über die Schienen. Nur an der Kühlanlage entsteht Bewegung. Aus ihr quillt langsam weißer Dampf, er legt sich wie ein Leichentuch über die Szene, die für absurdes Theater oder einen Horrorfilm vom Schrecken der Zukunft gestellt sein könnte.

Die Suche nach den Gründen für diese erste Auseinandersetzung in der Stahlindustrie seit 50 Jahren führt immer wieder auf Irrwege. Die Arbeiter, die nun schon in der vierten Woche vor den Werkstoren stehen, bieten viele Erklärungen an. Sie klagen über die Knochenarbeit an den Hochöfen und Walzstraßen, die viele von ihnen schon früh zu Invaliden macht. Sie fordern den "Einstieg in die 35-Stunden-Woche", weil damit zusätzliche Arbeitsplätze geschaffen und jobvernichtende Rationalisierungsmaßnahmen entschärft werden könnten. Sie malen düstere Perspektiven für ihren Berufsstand.

In den Chefetagen der Hüttenwerke hört es sich anders an. Dort klingt das Klagelied über die Misere des deutschen Stahls, über ausländische Konkurrenz, über Kostendruck und Rezession. Der Auftragsrückgang während der letzten vier Jahre beschert der Branche schon seit langem rote Zahlen. "Diese Industrie ist sowieso angeschlagen", lamentiert der Hoesch-Vorstandssprecher Sohlbach, "man darf sie jetzt doch nicht ausbluten."

Dichtung und Wahrheit