Vor 195 Jahren wurde Mozarts "Le Nozze di Figaro" zum ersten Male in Berlin "gegeben", wie man damals zu sagen pflegte, vier Jahre nach der Wiener Uraufführung. "Das Haus war nicht so voll als am Tage der ersten Vorstellung", heißt es in der "Chronik von Berlin" am 16. September 1790, "ein Beweis, daß diese große himmlische Musik ganz außer den Grenzen des Empfindungsvermögens des hiesigen Publikums liegt."

Davon konnte letzte Woche bei der Berliner Premiere keine Rede sein. Ein dankbares Publikum klatschte sich die Hände heiß beim Eintritt des Bundespräsidenten (50 Phon), des christdemokratischen Bürgermeisterkandidaten (60 Phon) wie beim Abtritt der berühmten Sänger (Julia Varady, Hanna Schwarz – 65 Phon), des Weltstars (Dietrich Fischer-Dieskau – 70 Phon), des Figaro (José van Dam – 75 Phon) und einer bis dahin außerhalb von Fachkreisen ganz unbekannten farbigen Sängerin; der Beifall für Barbara Hendricks als Susanne erreichte 85 Phon.

Das war das eine große Erlebnis des Premierenbesuchers: diese nicht besonders große, aber auch in der Rosenarie den Raum noch lässig füllende, weiche, ungemein modulationsfähige Stimme einer fast unbekannten Sängerin, der das Spiel zweite Natur zu sein scheint. Sie beherrschte wirklich, wie Wolfgang Hildesheimer es sehen will, "als beinahe allgegenwärtige Susanne" die Oper.

Das zweite große Erlebnis: wie dieses einst angefeindete Haus ein Premierenpublikum zusammen mit Staatsgästen und dazugehörigen Sicherheitskräften derartig unauffällig aufnimmt und wieder entläßt, daß niemandem der Spaß an der Freude genommen wird. Dazu hat Siegfried Palm jetzt offenbar seine Rolle als Hausherr gelernt: Mit einer Aufführung wie diesem "Figaro" erreicht die Westberliner Oper lässig, was man östlich des Brandenburger Tores "Weltniveau" nennt.

Das dritte Erlebnis: die erstaunliche Wandlungsfähigkeit des Götz Friedrich, der sich zu einem wahrhaften Mozart-Regisseur entwickelt hat. Revolution fand nicht statt. Die drei "ideologischen" Ansatzpunkte – Figaros Tänzchen-Cavatine, sein Schlachtengemälde für den armen Cherubino ("Nun vergiß leises Flehen") und des Grafen Racheschwüre (mit der Ahnengalerie im Hintergrund) – wurden als Musikdarbietungen, nicht als Agitation hervorgehoben; wie überhaupt der Regisseur rührend und auf geradezu mozartische Weise um nichts so bemüht schien wie darum, jedem seiner Sänger nach einer großen Arie einen großen Abgang zu verschaffen. Dankbar waren ihm auch diejenigen im Publikum, die immer nur Cherubino aus dem Fenster hatten abspringen, ihn nie im Gärten hatten aufkommen sehen. Die vielversprechende Artistin Hanna Schwarz leistete eine akrobatische Sondernummer, für die sie hoffentlich Gefahrenzulage bekommt: nach kühnem Sprung landete sie auf Schaumgummi im Orchestergraben.

Keine Rede mehr davon, daß die Leute (altes Felsenstein-Friedrich-Anliegen) auch verstehen müssen, was gesungen wird. Das war eine Inszenierung für Kenner und Italiener. Eine kulinarische Inszenierung wohl gar? So abwegige Fragen im voraus beantwortend ("kulinarisch" = auf die feine Küche bezüglich), ließ Friedrich nach dem ein wenig als Geländeübung angelegten Schlußakt die Liebenden und Hassenden und Verzeihenden auf der Bühne mit Sekt und kaltem Büfett regalieren. Leo