Herbst 1932 stand ich in Hamburg vor dem Dammtorbahnhof, den Rücken zur Moorweide. Die NSDAP hatte einen Umzug angesagt. Die Nazis kamen aus der Innenstadt in Sechserreihen; immer etwa dreißig Reihen hintereinander, dann ein Polizeiwagen mit (etwa ) fünfzehn Beamten; dann wieder dreißig Reihen Nazis, wieder, ein Polizeiwagen, wieder Nazis ... Das Publikum, recht zahlreich, grüßte die braune Masse mit Vergnügen. Damit hatte ich gerechnet. Seltsames passierte aber, wenn die Polizeiwagen vorbeikamen: jedesmal Jubel im Publikum, zwanzigmal habe ich das mit angesehen. Und die Polizisten? Sie winkten den zum Nazigruß ausgestreckten Armen heiter zu, sichtbar ihre Freude zähmend. Die Polizisten konnten doch nicht alle Nazis geworden sein?

Sie waren es. Wenige Monate später, bei der "Machtergreifung", erwies sich: Die Polizei Norddeutschlands hatte sich Hitler verschrieben. Schnell sahen wir auch, warum die Ordnungsmacht zu den Braunen übergelaufen war. Seit fast zwei Jahren hatte Deutschland am Rande des Bürgerkriegs gelebt. Vor allem die Kommunisten schossen; Hitler, ein neues Verbot der SA befürchtend, hielt seine Horden zurück. Seine Zeit zu morden würde um so sicherer kommen, je vorsichtiger er vorher war.

Die preußische Polizei übte sich in diesem Kampf in Vorsicht. Da gab es das berühmte "Schießverbot" des preußischen Innenministers Karl Severing, eines tapferen (Sozial-)Demokraten. Die Polizei, befahl er, dürfte selbst dann nicht auf Angreifer schießen, wenn sie in Gefahr geriet. Da waren die Beamten ihren kommunistischen Gegnern ausgeliefert; das trieb sie auf die Seite derer, die ihnen laut Beistand versprachen. Sie hielt sich nicht lange bei Papen auf, der im Juli 1932 Severing und die ganze preußische Regierung absetzte, sondern ging gleich zum Stärksten über, zu Hitler. – Genauso in Hamburg.

Haben wir daraus gelernt?

Frankfurt, den 25. November 1978

Für diesen Tag hatte die militante Vereinigung persischer Oppositioneller in der Bundesrepublik ("CISNU") zusammen mit dem Bund der Kommunisten Westdeutschlands ("KBW") eine Demonstration Frankfurt angemeldet, mit Zug durch die Innenstadt. Die hessische Regierung, von der Allgemeingültigkeit ihrer milden Gesinnung überzeugt, hatte den Umzug genehmigt und die gefährdeten Punkte nur mit geringen Polizeikräften geschützt. Wie zu erwarten, berauschten sich die zehntausend Demonstranten an ihrer eigenen Stärke, überrannten die wenigen Polizisten, schlugen auf ihre Helme ein; einen (so die Polizei) zwangen sie, den Helm abzunehmen, um ihm mit dem Knüppel eins auf die Kopfhaut zu versetzen. Millionenschaden in der Innenstadt. Ein höherer Polizeibeamter ("Da ist die Sau. Der Panitz, das Schwein!") konnte sich nur durch den Sprung durch eine Drahtglasscheibe retten. Mehrere hundert Beamte verletzte viele schwer. Was eigentlich mutet dieser Staat seinen Dienern zu? Er darf sich nicht wundern, wenn er sie eines Tages unter den Radikalen wiederfindet.

Hamburg, 9. Dezember 1978