Meine Mutter hieß Helene. Wenn ich las, sagte, sie zu mir, ich sei lieb, So kaufte ich ihr zu Weihnachten 1942 "Die fromme Helene" und schrieb vorne hinein: "Von Deinem lieben Sohn Ludwig. Als Tante Else meine Zuneigung entdeckte, sagte sie, man nenne sich nicht selbst einen lieben Menschen, das tue man nicht. Ich war ahnungslos bis zu diesem Augenblick, aber nun verlor ich durch die fromme Helene und die Umstände ihrer Aufnahme in der Familie meine Unschuld und lernte die Heuchelei, aber auch die Affinität zwischen Buch und Flasche kennen. Nein, man nennt sich nicht selbst einen lieben Menschen, man trinkt nicht schon am hellichten Tag, und wer Bücher liest, der wird ein gleichermaßen schlimmes Ende wie ein Trinker nehmen.

Ludwig Harig: "Bücherei und Bildung: Über die fruchtbringenden Beziehungen zwischen den Geistern aus Buch und Flasche" ("Buch und Bibliothek", Dezember 1978)

Der 75 Jahre alte "Baumeister"

"Wir finden es fast unheimlich, daß sich eine Zeitschrift so lange halten konnte im Auf und Ab der Moden und Meinungen in der Architektur" – so staunt für seine Mannschaft der Chefredakteur Paulhans Peters. Wenn man die Gewöhnung von Lesern abzieht, bleibt natürlich ein Lob übrig: Der "Baumeister", im Packpapierteil vorn meinungsfreudig und gern auf eine provozierende Weise frech, auf Glanzpapier eher zu kataloghaft knapper Vorführung möglichst vieler Bauten aufgelegt, weckt von Heft zu Heft Neugier. In der Dezember-Ausgabe, die das Jubiläum vom Oktober mit feiner Verzögerung feiert, wird das ganze Spektrum der zeitgenössischen Architektur in Bildern und in einem nachgedruckten Essay entfaltet, mit dem Peters die berühmte Architekturgeschichte der Neuzeit von Benevolo bis in unsere Tage ergänzt hat. Das Heft 12/1978 belegt auch die Hoffnung der Redaktion, daß "für die vielen Spielarten neuer Architekturformen neue Kriterien" gefunden werden – um zu wissen, was denn nun gut ist und was schlecht.

Deutsche Helden: Ausgabe Düsseldorf

"Der deutsche Held, der mehr will als er kann." Den Satz lesen wir als Charakteristik im Programmheft zur Premiere von Schillers "Räubern" in Düsseldorf. Wieder eine – sehenswerte – Aufführung nicht im Theater, sondern in einer Arena: diesmal in Düsseldorf, Alte Messe, Halle C (Inszenierung Peter Löscher/Swavi Deva Gokul). In der Pause hat man Zeit, im reich bebilderten Programmheft eine Erklärung des Intendanten (Günther Beelitz) zu lesen. Es gehört zu Löschers Arbeit mit einer Gruppe, die dem Ensemble nur lose verbunden ist, daß persönliche Erfahrungen der Schauspieler in die Arbeit eingebracht werden. Dieser Entstehungsprozeß sollte im Programmheft nachgezeichnet werden. Weil Beelitz wegen eines Beitrags, der "Verbindungen von Schillers ‚Räubern‘ zur heutigen Zeit" zog, "mit Sicherheit zu erwartenden Mißverständnisse" ausschalten wollte, wurde die ganze Dokumentation, "nach einer Diskussion, zurückgezogene". Mitten im Beifallsgebraus bittet ein Schauspieler um Ruhe und verliest einen Text, der gegen diese Leisetreterei protestiert: "Wir haben festgestellt, wie radikal und widersprüchlich dieser Autor ist. Unsere, Widersprüche sollten nicht unterschlagen, sondern veröffentlicht werden. Sonst haben wir alle den Schaden." Schlimmer Augenblick. Wer hat recht: Der (taktisch) erwägende Intendant, der die Arbeit dieser Gruppe erhalten will und dafür einen zensorischen Eingriff in Kauf nimmt? Oder die Beteiligten, die meinen, bei der Aufführung eines pubertär-anarchischen Stückes, müsse es auch möglich sein, wild unkontrollierte Äußerungen zu machen? Deutsche Helden! Wie wenig (auch nur geistige) Freiheit haben wir seit der Skandal-Premiere der "Räuber" vor 200 Jahren erobert.