Von Michael Jungblut

Nach fünf Jahren Durststrecke herrscht in der deutschen Wirtschaft endlich wieder Optimismus. Dies jedenfalls glaubt die Bundesregierung ebenso beobachtet zu haben wie der Sachverständigenrat oder das Münchner Ifo-Institut für Wirtschaftsforschung, das regelmäßig die Seelenlage deutscher Unternehmer zu erforschen sucht.

Wunder erwarten allerdings auch die hoffnungsfrohesten Vertreter der Wirtschaftsprophetie nicht: Die Wachstumserwartungen sind durchweg moderat (siehe Tabelle "Prognose für 1979"). Den Preisen trauen sie zu, daß sie wieder etwas stärker steigen. Und was die Arbeitslosigkeit angeht, wagt keiner eine deutliche Besserung anzukündigen. Zwar erwarten fast alle, daß die Zahl der Beschäftigten um etwa hunderttausend zunimmt, auf die Zahl der Arbeitsuchenden wird sich dies aber nur wenig auswirken, weil gleichzeitig auf Grund der Bevölkerungsbewegung eine wachsende Zahl von Jugendlichen auf den Arbeitsmarkt drängt. Eine ähnliche Entwicklung erleben derzeit die Amerikaner: Obwohl sie mit 96 Millionen mehr Arbeitsplätze als je zuvor in der Geschichte haben, ist die Arbeitslosenquote mit sechs Prozent immer noch sehr hoch. Die Zahl der Arbeitswilligen ist noch rascher gewachsen als die der Beschäftigungsmöglichkeiten.

Doch es ist nicht allein dieses Problem, das den Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung zögern ließ, die positive "Entwicklung der letzten Monate uneingeschränkt zur Grundlage unserer Prognose zu machen". Die Professoren trauten auch dem Frieden an der Währungsfront nicht so recht – und wie die erneuten Kursverluste des Dollar nach der Ölpreiserhöhung gezeigt haben, war diese Skepsis durchaus begründet Sie waren sich bei der Niederschrift ihres Gutachtens zudem nicht sicher, ob sich die wirtschaftliche Lage unserer wichtigsten Partnerländer wirklich im erhofften Ausmaß stabilisiert. Daher läßt sich auch die Entwicklung des deutschen Exports – von dem immerhin jeder fünfte Arbeitsplatz in der Bundesrepublik abhängt – heute nur sehr schwer abschätzen. Vor allem aber schien den Sachverständigen auch deshalb vorzeitiger Optimismus unangebracht, weil "nach wie vor Unsicherheit über den Kurs der Lohnpolitik besteht".

Hätten die fünf Wirtschaftswissenschaftler ihr Gutachten nicht vor Ausbruch des Streiks in der Stahlindustrie abgeschlossen, dann wären sie wohl von noch größerer Unsicherheit geplagt worden. Damals hatten sie nur gefürchtet, daß die Lohnkosten in einem Ausmaß steigen könnten, das erneut ein stärkeres Wirtschaftswachstum und einen schnelleren Abbau der Arbeitslosigkeit erschwert. Daß es schon vor Beginn des neuen Jahres zu einem so harten Arbeitskampf, zu einer so deutlichen Verschlechterung des sozialen Klimas und zu einer derartigen Verhärtung der Fronten zwischen den Tarifparteien kommen würde, wie wir dies während des Stahlstreiks erlebt haben, konnten die "fünf Weisen" nicht voraussehen.

Wenn dieser Streik und der Stil, in dem er geführt wurde, für die sozialen Auseinandersetzungen im Jahre 1979 Zeichen setzen sollte, dann ist für Optimismus kaum Anlaß. Ein dauerhafter wirtschaftlicher Aufschwung ist unter derartigen Vorzeichen jedenfalls nur schwer vorstellbar.

Schwer vorstellbar – aber immerhin denkbar – ist jedoch auch, daß die Gewerkschaften aus dem Debakel an der Ruhr etwas lernen. Denn daß die Verhandlungen schließlich in eine Sackgasse gerieten, aus der auch der als Schlichter zu Hilfe gerufene Friedhelm Farthmann zunächst keinen Ausweg finden konnte, lag sowohl an der Widersprüchlichkeit der Forderungen und ihrer Begründungen (Loderer klagte in einem Atemzug darüber, daß Arbeitsplätze verschwinden und daß es bald zu wenig Arbeitskräfte geben könnte) als auch daran, daß die Funktionäre die Stimmung unter ihren Mitgliedern durch allzu forsche Reden so aufgeputscht haben, daß sie schließlich nicht mehr wußten, wie sie die allzu hoch gespannten Erwartungen erfüllen sollten.