Gelernt hat Peter Behrens nur: malen. In München ist gerade sein populärstes Werk, "Der Kuß", ein kleiner dekorativer Farbholzschnitt von 1898, weit über den Schätzpreis für fünfzehnhundert Mark versteigert worden. Wahrscheinlich wäre dieser Betrag niemals geboten worden, wenn der Künstler nicht einen Namen hatte – einen, den er sich allerdings auf ganz anderen Gebieten als dem der bildenden Kunst und obendrein auf eine heutzutage gar nicht mehr vorstellbare Weise gemacht hat: als Architekt von Fabrik-, Verwaltungs-, Wohngebäuden zwischen Klassizismus und Neuem Bauen, als Schriftgestalter, Buchkünstler, Werbegraphiker, als Gestalter von Dampfkesseln, Straßenlampen, Weingläsern, Klavieren, als Innenarchitekt und als Stadtplaner (zum Beispiel am Berliner Alexanderplatz). Er war auf allen diesen Gebieten Autodidakt; er wurde, allein dank Begabung, Leidenschaft und Intelligenz, ein Alleskönner.

Das ist das eine, was ihn und seine Zeit kennzeichnet; das andere aber ist der Mut eines Industriekonzerns, ihm als einem modernen Künstler (ohne ein Examen) so gut wie freie Hand zu lassen für alles, was nach Gestaltung verlangte. Eben dies ist zur Zeit im IDZ, im Internationalen Design-Zentrum in Berlin zu besichtigen. Die Ausstellung heißt "Industriekultur – Peter Behrens und die AEG 1907–1914".

Ein bemerkenswerter Mann, ein bemerkenswertes Opus, eine auch unter heutigen Zeitumständen außerordentlich mutige Firma. Sie hatte wie keine andere vorher den nutzbaren Zusammenhang zwischen Industrie, Produkt und Design, zwischen Erscheinungsbild und Geschäft als eine gleichermaßen kommerzielle und kulturelle Chance begriffen. Der Schriftsteller Franz Blei, befreundet mit Behrens wie mit dem AEG-Vorstandsmitglied Walther Rathenau, erwähnte einmal den "leidenschaftlichen Glauben" dieses Industriellen (und Politikers), "daß sich der internen, chaotischen Masse alles Wirtschaftlichen Form und Geist geben" lassen müsse.

Das Pathos, die Unschuld und das Raffinement der industriellen Blüte um die Jahrhundertwende verklärte gewiß viele – nicht zuletzt: soziale – Gegensätze; der Schwung jedoch, auch der ästhetische, machte sie vorsichtig wanken und inspirierte zu wegweisenden Taten. Und nirgendwo geben sie sich deutlicher zu erkennen als am Beispiel der Allgemeinen Elektricitäts-Gesellschaft in Berlin-Wedding: in ihren Fabrikbauten, deren berühmteste und mit Abstand modernste die Turbinenhalle ist; im graphischen Erscheinungsbild des Konzerns; in den Formen, die Behrens den elektrischen Produkten gab.

"Gerade bei der Elektrotechnik", sagte er 1910 in einem Vortrag, "handelt es sich nicht darum, die Formen durch verzierende Zutaten äußerlich zu verschleiern, sondern – weil ihr ein vollkommen neues Wesen innewohnt – die Formen zu finden, die ihren neuen Charakter treffen." Er war beim Bemühen, die "innige Verbindung" zwischen Kunst und Industrie zu erreichen, ein blutvoller Funktionalist und nicht zufällig eins der wichtigen Werkbund-Mitglieder – und er war der erste wirkliche Industrie-Designer.

An dies und den Weitblick der Firma erinnert auf Schritt und Tritt die Berliner Ausstellung. Man sieht Prospekte, Werbeschriften, Plakate von Behrens (und anderen), man sieht Ventilatoren und Teekessel, Wanduhren und (nachgebildete) Flammenbogenlampen, in Photographien und Skizzen eine Darstellung der Gebäude, die für die AEG und ihre Arbeiter entworfen worden sind.

Die Arbeitsgruppe des Bonner Kunsthistorikers Tilmann Buddensieg (von der im Frühjahr eine ausführliche Arbeit über dieses Thema erscheinen wird) hat, wie man hört, jahrelang Material und Gegenstände gesammelt. So ist es ein bißchen schade, daß sie ihren interessanten Stoff mehr für Katalogleser als für Ausstellungsbesucher hergerichtet hat: zu kleine, sehr dürre Erläuterungen in Maschinenschrift, kompliziert geordnet, nicht fehlerlos, auch lückenhaft. Wer sich zum Beispiel den Aufbauprozeß der Fabrikkomplexe klarmachen will, hat schwere Arbeit zu leisten, schon allein, um sich zu orientieren. Und wie so oft in solchen Ausstellungen hat graphischer Ehrgeiz die Mitteilsamkeit außerordentlich gebremst. Man wird nicht neugierig gemacht. Ein visuell geradezu kulinarisches Sujet wurde alles andere als sinnenfroh und einladend dargereicht – wenngleich auf silbernem Tablett. Denn das Ausstellungssystem des Mailänder Architekten Gregotti ist elegant und praktisch. (Bis 18. März, Katalog 15 Mark) Manfred Sack