Interview mit Horst Magerl, Geschäftsführer der Vereinigung Deutsche Elektrizitätswerke

  • Zur geplanten Novellierung des Wettbewerbsrechts kommt aus dem Bundesrat ein Vorschlag, der Ihnen, der Stromwirtschaft, Kummer bereitet. Die Elektrizitätsversorgungsunternehmen (EVU) sollen praktisch gezwungen werden, ihre Leitungsnetze auch fremden Stromversorgern im Interesse des Wettbewerbs zur Durchleitung von Strom bereitzustellen. Was ist daran eigentlich problematisch, denn gemeinhin sagt man doch, Konkurrenz belebt das Geschäft.

Magerl: Zunächst muß man wohl die Grundlage der Elektrizitätsversorgungswirtschaft betrachten. Sie ruhen auf der Leitungsgebundenheit der Energie, die ja auch nicht gespeichert werden kann. Ferner hat die Versorgungswirtschaft eine umfassende Vorsorge- und Versorgungspflicht, und zwar für alle Verbrauchergruppen. Die EVU müssen folglich nicht nur entsprechende Stromkapazitäten vorhalten, vor allem auch Leitungen. Dafür ist ein außerordentlich hoher Kapitalbedarf erforderlich. Für die Versorgung des Gebietes, in dem das Unternehmen tätig ist, ergibt sich mithin eine hohe Festkostenbelastung.

  • Deshalb also das Privileg des Gebietsschutzes für die Elektrizitätswirtschaft, das dem Unternehmen im Versorgungsgebiet einen besonderen Wettbewerbsschutz einräumt.

Magerl: Das vor allem den vernünftigen Betrieb der Leitungsnetze sicherstellt. Ist das nicht mehr der Fall, entstehen zwangsläufig Versorgungsrisiken. Wir haben ja jetzt erst durch den großen Black-out in Frankreich gesehen, daß eben eine Störungs- und Zuwachsreserve in den Kraftwerken und Leitungen vorgehalten werden muß. Wenn wir diese Versorgungsgebiete so nicht haben, dann könnte in einigen Jahren auch bei uns die Gefahr solcher Großstörungen auftreten.

  • Nun wird auch in dem Bundesratsvorschlag die Versorgungspflicht der EVU für die Masse der Kleinverbraucher anerkannt. Für sie bliebe alles beim alten, während Großabnehmer aus der Industrie die Möglichkeiten haben sollen, ihren Strombedarf dort zu holen, wo der günstigste Preis gewahrt wird. Dazu muß dann aber die Durchleitung gegeben sein.

Magerl: Das ist ja der Kernpunkt. Ich erwähnte ja bereits den hohen Festkostenanteil der EVU. Es wäre ja unsozial, wenn diese Festkosten nun nicht mehr gleichmäßig von allen Abnehmern bezahlt würden. Würden die geschlossenen Versorgungsgebiete aufgelöst, käme es zu einer Verlagerung der Festkosten auf die große Masse der kleinen und mittleren Verbraucher bis hin zu Betrieben mittlerer Größe. Wenige Großkunden würden Kampfpreise erhalten, weil die dann zu Grenzkosten beliefert werden könnten. Die Allgemeinheit der Verbraucher müßte das zahlen, ganz zu schweigen von den Risiken für die Versorgungssicherheit.