ARD, Donnerstag, 21. Dezember: "Sag’ doch was – Protokoll eines Familiengesprächs"

Die interessantesten Gespräche, das zeigt sich von Jahr zu Jahr deutlicher, werden im Fernsehen am Nachmittag und in der Nacht geführt: Nur dann nämlich, und nicht im sogenannten Hauptprogramm (das in Wahrheit ein Nebenprogramm ist), reden die Menschen, für die das Programm gemacht wird, von sich selbst, werden. nicht vorgeführt, nicht in Sekunden-Sequenzen befragt, nicht als "Fälle" apostrophiert, nicht als Kulisse ins Blickfeld gerückt und nicht zu Objekten der Vergnügungsindustrie erniedrigt. ("Und nun, allez hopp, springt Familie Petersen durch den Reifen; mal sehen, ob die’s schneller schaffen als die Häberles.")

Nach der 16-Uhr-Tagesschau und um Mitternacht dürfen Gewerkschaftler und Ehefrauen, Kinder, Großmütter, Hilfsarbeiter und Portiers beweisen, was in ihnen steckt – und siehe da, die Redeweise und das Argumentieren, konkret und exakt, machen das Stereotype und Floskelhafte des eingefahrenen Betriebs zwischen 20 und 22 Uhr, mit den einstudierten Kalauern und den nichtssagenden Ausflüchten der Prominenz, in gebotener Deutlichkeit sichtbar.

Donnerstag nachmittag 16.15 zum Beispiel: da wurden Ausschnitte aus einem Beratungsgespräch dargeboten, das zwei Ehepartner unter der Leitung eines Therapeuten in Heidelberg führten: ein ruhiger, ebenso behutsam wie souverän geleiteter Halbstunden-Disput zwischen einem schwerzungigen Mann ("als ich klein war, haben sie mich immer ausgelacht, wenn ich mit meinen Problemen kam") und einer rasch formulierenden, von Kindheit an mit der Verbalisierung von Schwierigkeiten vertrauten Frau.

Und dann auf einmal begann der Mann plötzlich zu reden, dann kam, stockend, doch präzise aus ihm heraus, was er in vier Jahren nicht hatte sagen können, darin setzte ein Gespräch ein, das. den Charakter eines erregenden, weil verdeckten Dialogs hatte, in dessen Verlauf die Partner, immer entschiedener über die befragende Therapeutin hinweg, ihr Antwort gaben, Kontakt zu ihrem Gegenüber aufnahmen: zum erstenmal ein Ansatz von verbaler Kommunikation!

Und dieser Fast-Dialog (fast, weil er der Anstöße von außen bedurfte) geriet in keinem Augenblick zu einem Kunst-Disput, einem auf Pointen zugespitzten Beratungsgespräch. Im Gegenteil, es wurde erhellt – die Produzenten der Reihe haben aus Anfangsfehlern gelernt –, daß der Dialog nur ein winziger Ausschnitt aus einer langen Folge von Unterhaltungen war: ein Ausschnitt, der für eine ganz bestimmte, noch sehr frühe leicht, innerhalb jenes Prozesses stand, der, vielleicht, irgendwann vom Monolog zum Dialog führen könnte.

Wieder einmal zeigte es sich, daß es, auf dem Bildschirm, nichts gibt, was so bewegend und so atemberaubend wie das Alltägliche ist, und daß nichts so erschütternd sein kann wie die Demonstration äußerster – und dabei nicht unüberwindlicher – Fremdheit inmitten der sogenannten Normalität. Eine halbe Stunde lang wurde, nach knapper und intelligenter Einführung in die Situation, im Grunde nur über eine einzige These gesprochen. Sie findet sich, artikuliert vom Titelneiden, in Georg Büchners "Dantons Tod" und lautet: "Wir wissen wenig voneinander – wir sind sehr einsam. Einander kennen? Wir müßten uns die Schädeldecken aufbrechen und die Gedanken einander aus den Gehirnfasern zerren."