Zu sagen, daß das Jahr 1978 für das Deutsche Fernsehen krisenhaft verlaufen sei, mutet schon wie eine Untertreibung an. Statt des Wortes Krise, in dem begrifflich doch immer auch die Chance Zur Überwindung mitschwingt, ist die Bezeichnung "Krankheit" wohl eher am Platze. Eine zehrende Krankheit. hat das Fernsehen buchstäblich an Haupt und Gliedern erfaßt.

Unbehagen, Unlust und lähmende Unzufriedenheit haben sich in den Leitungsetagen und in den Redaktionsstuben von Baden-Baden bis Hamburg breitgemacht. Die Intendanten, unsicher geworden durch die wachsende Kritik der Öffentlichkeit, mäkeln an einem Programm herum, das sie zwar zu verantworten, das sie aber häufig kaum verfolgt und noch viel weniger beeinflußt haben.

Die Programmdirektoren ertrinken in einer Lawine bürokratischer Details – und müssen zudem einen guten Teil ihrer Energie darauf verwenden, den Machtanspruch der immer stärker werdenden Verwaltungsdirektoren abzuwenden. Die Chefredakteure fühlen sich eingeengt von ihren Oberen und beklagen, daß ihr fachliches Votum auf Programmentscheidungen immer weniger durchschlägt.

Und die Redakteure erst, die sich anonymen Verfügungen in den Funkhäusern, dem immer massiveren, brutaler werdenden Druck der Parteien Und nicht selten auch dem Gespött der Kritiker ausgesetzt sehen, haben zuweilen den verständlichen, verzweifelten und zugleich sinnlosen Ausweg gesucht, ihre journalistische Kraft in Resolutionen von Redakteursausschüssen statt ins Programm einzubringen. Fesseln rundum – wie soll dabei ein fesselndes Programm entstehen?

Die schleichende Krankheit des Fernsehens hat also inzwischen alle Anstalten und alle Ebenen ergriffen. Auch das ZDF, das durch die Glücksfügung seiner zentralistischen Konstruktion zunächst den Vorteil hatte, nicht durch rivalisierende Provenzialismen, dem Grundübel der ARD, belastet zu sein, ist erkennbar angeschlagen. Der Ex-Diplomat Karl-Günther von Hase hat die Hoffnung, in ihm könne das ZDF einen starken und unabhängigen Intendanten gewinnen, maßlos enttäuscht. Durch seine Unfähigkeit zu journalistischer Beurteilung (was ihn mit den ARD-Kollegen – mit der Ausnahme des knorrigen Alt-Intendanten Bausch in Stuttgart – verbindet) hat er sich zu jenem Bürokraten degradiert, der er offensichtlich ist. Programmdirektor Dieter Stolte, der selbst gern Intendant geworden wäre, ist auch nicht mehr der, der er einmal war. Frustriert im Gerangel mit seinem Konkurrenten, dem seinerseits ermatteten Chefredakteur Reinhard Appel, konzentriert Stolte sich auf spektakuläre und aufwendige Projekte. Mit seinem wirren "Gallenstein", ist er damit wohl eher badengegangen, und auch die frackschößige "Carmen"-Übertragung aus Wien brachte für das Programm mehr glitzernde Präsentation als inhaltsreiche Präsenz.

Was das ZDF anbetrifft, gibt es einen Zeugen, der beide Fernsehsysteme durchaus zu vergleichen weiß, Peter Scholl-Latour, früher WDR-Programmdirektor, seit sieben Jahren ZDF-Sonderkorrespondent: "Ich sehe", erklärte er kürzlich öffentlich, "eine ständig wachsende Sterilität und eine Verfilzung der Institution."

Scholl-Latour kommt, weil es angezeigt ist, sich mit seinem Namen zu schmücken, immer noch ganz gut zum Zuge. Deswegen: "Ich klage nicht aus egoistischen Gründen. Mein Gesicht ist oft genug auf dem Bildschirm, aber die zunehmende Bürokratisierung geht zu Lasten der Qualität." Und dann: "Ich kann das ZDF nicht besser machen, als es sein will."