Der wichtigste Termin für das Afrika des Jahres 1978 ist nicht eingehalten worden. Weder Namibia (Südwestafrika) noch Rhodesien sind, wie ursprünglich vorgesehen, zum 31. Dezember unabhängig geworden. Das soll nun im Frühjahr 1979 geschehen. Inzwischen geht das Blutvergießen weiter, auch wenn das große Blutbad bisher vermieden werden konnte. Aber schon jetzt sterben in Rhodesien zu jeder Stunde mindestens zwei Menschen, und noch mehr werden grausam verstümmelt.

Die Welt verfolgt das Geschehen auf dem schwarzen Kontinent mit gleichmütigem Desinteresse. Allenfalls Shaba-Schlächtereien streckt sie auf, die Tatsache, daß es Weiße waren, die bei der Invasion der sogenannten Katanga-Gendarmen in die südzairische Kupferprovinz Shaba massakriert wurden, und die Furcht, daß die Ausbeutung wichtiger Rohstoffe gefährdet werde.

Denn es gilt in Ost und West nicht mehr als anstößig, das eigene Interesse obenan zu stellen. Auch Helmut Schmidt ließ bei seiner ersten Afrikareise im vergangenen Jahr keinen Zweifel daran, wie die Bundesrepublik ihre Gewichte setzt. Ohne Rohstoffe aus Afrika ist unsere Wirtschaft erledigt. Nur so läßt sich auch der Kompromiß über Namibia verstehen, den sich der Westen vom neuen Premier Botha im rohstoffreichen Südafrika abhandeln ließ. Sanktionen kann sich der rohstoffabhängige Westen ohnehin nicht leisten.

Er verbucht dagegen als Erfolg, wenn der Kreml die Warnungen aus dem Weißen Haus beherzigt und sich und seine kubanischen Janitscharen zurückhält. Das ist im vergangenen Jahr in Afrika überall geschehen, sieht man einmal von der fast unbeachteten "Lösung" der Eritrea-Frage ab.

Dennoch bleiben die Gewitterwolken: Die vielbeschworene "Destabilisierung" Afrikas hat zwar nicht stattgefunden, aber die Sowjets haben sich auch nicht völlig zurückgezogen. Sie warten ab. Die neuen Territorialkonflikte – eine Folge der gedankenlosen Grenzziehung der Kolonialmächte –, die bereits in Shaba, im Ogaden, in der Sahara, im Tschad, Südsudan und Eritrea offen zutage getreten sind, bieten, wie auch die Befreiungskämpfe im südlichen Afrika, weiter genügend Vorwände zum Eingreifen. Auch im Jahr 1979 wird Afrika deshalb ein Pulverfaß der Weltpolitik bleiben. Vy.