Der alte Grundsatz "man hat Geld, aber man redet nicht darüber" ist in britischen Managerkreisen etwas aus der Mode gekommen: Erstens weil unter den Managern auf der Insel das bittere Gefühl verbreitet ist, daß sie kaum noch Geld haben; zweitens weil sie gezwungen sind, über ihr Einkommen öffentlich Rechenschaft abzulegen. Was Vorstandsmitglieder und leitende Angestellte britischer Firmen verdienen, muß in den Geschäftsberichten säuberlich ausgewiesen werden. Zwar werden keine Namen genannt, sondern nur die Zahl der Empfänger in bestimmten Gehaltsstufen angegeben. Aber oft läßt sich dennoch unschwer erraten, wer sich hinter den Ziffern verbirgt.

Die große Versicherungsgesellschaft Prudential zum Beispiel bringt ihre vierzehn Aufsichtsratsmitglieder in fünf Gehaltsklassen unter, gestaffelt von 2500 bis 25 000 Pfund. In der obersten Gruppe ist nur eine Person, nämlich der Vorsitzende des Boards, dessen Einkommen damit für jedermann erkennbar ist. Die 187 leitenden Angestellten, die mehr, als zehntausend Pfund (etwa 37 500 Mark) verdienen, werden – mit Sprüngen von jeweils 2500 Pfund – in zwölf Gruppen eingeordnet. Auch hier findet sich in der Spitzenklasse von 42 500 Pfund (169 000 Mark) nur ein Eintrag, so daß es unschwer zu erraten ist, daß es sich um die Bezüge des Generaldirektors Haslam handelt.

In der Welt der britischen Spitzenmanager sind 45 000 Pfund ein hohes, im internationalen Vergleich aber ein bescheidenes Einkommen – und das erst recht nach Abzug der Steuern. Immer mehr Firmen weisen daher auch die Netto-Einkommen aus, um so vor aller Welt den harten Zugriff des Finanzministers zu demonstrieren. Sie wollen aber auch den Gewerkschaften den Wind aus den Segeln nehmen, die in ihrer Agitation stets auf die hohen (Brutto-)Gehälter der Spitzenmanager hinweisen, um so Neidkomplexe für ihre Zwecke zu mobilisieren. Die Veröffentlichung der Netto-Gehälter soll aber auch der Unterstützung einer Kampagne des Industriellenverbandes dienen, der dafür kämpft, den Spitzensteuersatz von 83 auf 50 Prozent zu senken.

Der inzwischen pensionierte Vorsitzende des Chemiekonzerns ICI, Sir Rowland Wright, verdiente zuletzt die aufreizend hohe Summe von 95 363 Pfund (etwa 360 000 Mark). Aber bei einem Einkommen in dieser Größenordnung beläßt der Fiskus dem Empfänger (verheiratet ohne Kinder) ganze 23 600 Pfund im Jahr.

Britische Reports sind in dieser Beziehung durchsichtiger als deutsche Geschäftsberichte, aber auch sie lassen vieles – und in letzter Zeit immer mehr – im unklaren. Grund dafür sind die Sondervergünstigungen oder "Perks", wie man sie in England nennt. Perks, oder feiner "Fringe Benefits", sind genausogut, oft besser als eine Gehaltserhöhung. Zwar hätten die meisten Manager das Geld lieber bar auf der Hand, um ihre eigenen Konsumentscheidungen zu treffen. Aber die scharfe Steuerprogression und der Versuch der Regierung, die Inflation mit Hilfe einer dirigistischen Lohnpolitik in den Griff zu bekommen, haben dazu geführt, daß das Perk-System auf der Insel in den letzten Jahren immer wildere Blüten treibt.

Da zur Zeit nur Lohn- und Gehaltserhöhungen von fünf Prozent imJahr erlaubt sind, ist für viele Briten die Versuchung groß, diese Begrenzung durch einen Stellenwechsel zu umgehen, da es für Neueinstellungen keine staatlichen Gehaltsnormen gibt. Will die alte Firma den Mitarbeiter halten, bietet sie ihm zur Umgehung der Fünf-Prozent-Grenze zusätzliche Sachleistungen. Dies wiederum ist für den Mitarbeiter interessant, weil sich ihm dadurch die Möglichkeit bietet, der konfiskatorischen Besteuerung entweder auszuweichen oder sie doch zu mildern. Je höher sein Einkommen ist, um so verlockender ist diese Chance. Denn wer zum Beispiel umgerechnet 90 000 Mark verdient und dann eine Zulage von fünf Prozent (4500 Mark) pro Jahr erhält, muß dafür den Spitzensteuersatz von 83 Prozent zahlen. Das heißt, der Fiskus kassiert 3735 Mark, der Angestellte nimmt 765 Mark mit nach Hause. Wer statt dessen Perks aushandelt, kommt – wenn er es nur geschickt genug anfängt – weit besser weg.

Ein Heer von Experten sucht daher nach Möglichkeiten, wie man dem Zugriff des Finanzamtes und den Fesseln der Lohnpolitik entkommen kann. Es ist ein ständiger Wettlauf mit der Finanz-Bürokratie, bei dem die Perk-Spezialisten meist die Nase vorn haben. Kaum haben Arbeitsministerium und Steuerverwaltung eines der Löcher gestopft, haben die Experten schon zwei neue entdeckt.