Schreiben Sie für uns ein Stück – bat das Feuilleton der ZEIT vor einigen Wochen eine Reihe deutschsprachiger Autoren – ein Versuch, dem alten Brauch der Silvester-Umfrage einen neuen Reiz abzugewinnen.

Einige Dichter schwiegen verwunden.

Einige wollten sich durch unseren unemsten Antrag nicht von ihren ernsten Projekten ablenken lassen – und schickten uns Szenen und Entwürfe aus ihrer gegenwärtigen Arbeit. So erleben in dieser Ausgabe ihre Vorauspremiere: der nächste Kroetz ("Der stramme Max"), der nächste (oder übernächste?) Hochhuth (die Komödie "Juristen"), der nächste Achternbusch ("Der Komantsche").

Viele aber schrieben für uns ein neues Stück. Einer von ihnen, Thomas Bernhard aus Ohlsdorf, lieferte zusätzlich einen Werkstattbericht: "Ich habe heute den ganzen Tag gefaulenzt und nichts getan und wie ich vor einer halben Stunde nach Hause gekommen bin, habe ich Ihren Brief aufgemacht und die Gelegenheit ergriffen, wenigstens dieses deutsche Silvesterdrama zu schreiben. Ich hatte genau siebzehn Minuten dafür gebraucht. Ich hoffe sehr, mit diesem Drama endlich ein solches für alle Deutschen geschrieben zu haben. Wie Sie wissen, bestätigt die Regel die Ausnahme. Grüßen Sie die "Zeit" als wärs die Ewigkeit ..."

Vom "Theater der großen Texte" schwärmte jüngst ein leider allzu bekannt gewordener deutscher Kultursenator. Das ZEIT-Feuilleton (das erst kürzlich die anarchistischen Qualitäten des Boulevardtheaters entdeckt hat) präsentiert mit seiner Silvester-Anthologie das Gegenkonzept: Das Theater der kurzen Texte. Welcher Regisseur wird ihnen gewachsen sein?