Von Gabriele Venzky

Einer schicksalsträchtigen Losung gleich hatte Hanoi einen Tag vor Beginn des Jahres 1978 zum erstenmal offiziell zugegeben: Es gibt keinen Frieden für Südostasien. Jetzt, um die Jahreswende 1978/79, läuft der dritte Indochinakrieg auf vollen Touren.

Hunderttausend vietnamesische Soldaten sind gegen 60 000 Kambodschaner angetreten. Ob es sich tatsächlich um die, mittlerweile zum sechstenmal angekündigte, letzte und entscheidende Offensive handelt, bleibt abzuwarten. Allerdings haben die Vietnamesen im Nordosten und Osten Kambodschas größere Teile des Landes besetzt: die "befreiten Gebiete". Die Truppen Hanois sind bis zum Mekong vorgestoßen und haben sich Phnom Penh genähert, wo die Regierung Anstalten trifft, notfalls die Hauptstadt aufzugeben und zu den Guerrilleros in den Dschungel zurückzukehren.

Der "Papageienschnabel", Snoul, Kratié, Kornpong Cham – noch sind diese Orte als blutige Schauplätze des amerikanischen Vietnamkriegs im Ohr. Nun tauchen sie in den vietnamesischen Frontberichten auf. Doch diesmal ist der Gegner nicht der Westen, geht es nicht um die "Befreiung" des Landes von "imperialistischer Vorherrschaft". Zum erstenmal in der Geschichte herrscht Krieg zwischen zwei kommunistischen Staaten.

Gewiß, hier schlagen sich die Vietnamesen mit tatkräftiger Hilfe der Sowjets und die Kambodschaner mit Unterstützung der Chinesen. Doch als reiner Stellvertreterkrieg ist dieser dritte Indochinakrieg nicht abzutun. Hier sind jahrhundertealte, tiefverwurzelte Feindschaften wieder aufgebrochen. Hanois Expansionsstreben hat schon immer die Nachbarn in Schrecken versetzt. Selbst die Einheitsfront der kommunistischen Befreiungsbewegungen ist deshalb von Anfang an brüchig gewesen.

Dennoch hatten sich die Vietnamesen nach ihren Siegen im Frühjahr 1975 ein konföderatives Indochina unter ihrer Führung erträumt. In Laos ließ sich dieses Ziel auch relativ leicht verwirklichen. Das Land ist heute ein Satellit der Sowjets und der Vietnamesen. Anders Kambodscha. Die autoritäre, menschenverachtende Truppe um den heutigen Premier Pol Pot manövrierte die Hanoi-Fraktion innerhalb der kommunistischen Partei aus und orientierte sich forthin an Peking und an Maos Konzept von der permanenten Revolution.

Die Strategie der Kambodschaner und ihrer chinesischen Freunde läuft darauf hinaus, die Vietnamesen durch einen langwierigen und kostspieligen Guerillakrieg zu zermürben und dem sowjetischen Erzfeind im kambodschanischen Dschungel sein "Vietnam" zu bereiten. Zwar scheinen die Chinesen nicht vorzuhaben, für ihren Schützling in den Krieg zu ziehen, aber unterhalb dieser Schwelle sind sie zu jeder Unterstützung bereit. Dazu gehört auch der militärische Druck auf die Nordgrenze Vietnams und die am Weihnachtsfest ausgesprochene Drohung: China werde bei einem Angriff aus Vietnam "bestimmt zurückschlagen".