Horst Herold, Präsident des Bundeskriminalamtes in Wiesbaden und oberster Terroristenfahnder der Bundesrepublik, dürfte zu Beginn des Jahres 1978 der Mann mit den schwersten Sorgen gewesen sein. Vier Mordanschläge im Vorjahr hatten seine Fahnder nicht verhindern können: Im April die Ermordung von Generalbundesanwalt Buback und seiner beiden Begleiter auf offener Straße in Karlsruhe; im Juli die Ermordung des Vorstandssprechers der Dresdner Bank, Jürgen Ponto; im September den Anschlag auf Hanns Martin Schleyer in Köln, bei dem vier Begleitpolizisten starben; Schleyer selbst wurde sechs Wochen später in Mülhausen tot im Kofferraum eines "Audi 100" aufgefunden. Der Mordversuch an den Beschäftigten der Bundesanwaltschaft mit Hilfe eines von den Terroristen gebastelten Raketenwerfers im August war nur wegen eines technischen Defekts mißlungen.

Eine weitere Eskalation des Terrors stand für 1978 zu erwarten. Und es wäre sicher leichtfertig, diese Prognose aller Fachleute der Polizei und des Verfassungsschutzes im nachhinein als unbegründet abzutun, nur weil sie sich nicht erfüllt hat. Vermutlich haben wir es den trotz einiger Pannen im ganzen erfolgreichen Bemühungen der Fahnder zu verdanken, daß das Schlimmste nicht geschehen ist: Von Januar bis April wurden sieben konspirative Wohnungen entdeckt, darunter auch allzu spät das erste "Gefängnis" von Hanns Martin Schleyer in Erftstadt-Liblar.

Im Mai nahm die jugoslawische Polizei vier mit Haftbefehl gesuchte deutsche Terroristen fest: Brigitte Mohnhaupt, Rolf Clemens Wagner, Peter Boock und Sieglinde Höfmann. Von Peter Boock wußten die Fahnder wenig. Erst nach Monaten erhielten sie aus Belgrad seine Fingerabdrücke. Sie ergaben, daß Boock den bei Lörrach gefundenen VW-Bus gefahren hatte, in dem eine Krawatte von Schleyer und sein Schlüsselbund gefunden wurden.

Jugoslawien hat die vier Festgenommenen im November in ein "Land ihrer Wahl" – vermutlich den Irak – ausreisen lassen. Dagegen half Bulgarien deutschen Zielfahndern im Juni bei der Festnahme der Terroristen Till Meyer, Gabriele Rollnik und Angelika Goder am Schwarzen Meer; alle drei wurden in die Bundesrepublik abgeschoben.

Das Hubschrauber-Trio Stoll/Klar/Schulz, das der Polizei nach der Landung in Michelstadt/Odenwald am 6. August entging, wurde offenbar bei der Vorbereitung eines Anschlags – vermutlich zum Zweck der Gefangenenbefreiung – gestört. Einen Monat später starb Willy Peter Stoll in Düsseldorf unter den Schüssen eines Polizeibeamten. Im September fiel ein Polizist nahe der Autobahn bei Dortmund den Terroristen Michael Knöll und Angelika Speitel zum Opfer. Wenig später starb auch Knoll an seinen bei dem Schußwechsel erlittenen Verletzungen.

Die "Logistik" der deutschen Terroristen wurde im abgelaufenen Jahr nachhaltig gestört. Aber sie haben auch neuen Zulauf aus dem Kreis ihrer "oberirdischen" Helfer gewonnen. Im letzten Drittel des Jahres sind mehr junge Leute in den Untergrund "abgetaucht" als je zuvor. Die Generation der Terroristen von morgen ist so jung, daß ihre Vorbilder aus den frühen siebziger Jahren beinahe ihre Mütter und Väter sein könnten. Es gibt keinen Grund, auf ein baldiges Ende des Terrors zu hoffen. Hans Schueler