Lübeck

Gezeigt wird der letze Dreck. Nach Bremen jetzt in Lübeck. Anschließend geht der Müll in einem Container quer durch die Bundesrepublik. Anlaß: "Jahr des Kindes."

Verbeulte Konservendosen, Flaschendeckel, Gummifetzen geplatzter Autoreifen, Reste abgetretener Schuhsohlen, buntes Verpackungsmaterial fader Fertiggerichte. Für die Kinder in den Slums von Nairobi im afrikanischen Kenia ist dieser Abfall Material, aus dem sie sich ihr Spielzeug basteln. Drahtautos, kleine Busse, Flugzeuge, Hubschrauber und Fahrräder.

"Afrikanische Kinder als Konstrukteure" heißt diese Ausstellung. Die Begegnung mit den teilweise in Glasvitrinen sorgsam aufgestellten Abfallprodukten ist recht makaber. Denn der Betrachter als Mitglied der Wohlstandsgesellschaft möchte vor Neid erblassen angesichts der Kreativität, der technischen Fähigkeiten, des handwerklichen wie künstlerischen Vermögens. Man ist beschämt, weil das Elend sich ästhetisch präsentiert. Weil der zehnjährige Sanyu Kamande und seine Freunde aus dem Mathare-Tal bei Nairobi etwas können, was unseren Kindern offensichtlich versagt ist.

Sabine Schwartz, die in einem Unesco-Projekt in Kenia arbeitet, hatte die Idee zu dieser Ausstellung. Sie begann zu sammeln, was in den Elendsvierteln Nairobis gebastelt worden war. Angesichts des Phantasiereichtums aus Armut dachte sie an die Phantasiearmut der an Plastikspielzeug satten Kinder westlicher Länder.

Der Handel war schnell geschlossen. Aus Draht sorgsam geflochtene Hubschrauber, steuerbare Autos wurden eingetauscht gegen fabrikgefertigte Matchbox-Autos. Im Mathare-Tal war die Begeisterung groß. In der achten Klasse eines Lübecker Gymnasium auch. Hier dürfen die Schüler im Rahmen dieser Mitmach-Ausstellung lenkbare Fahrzeuge aus Draht bauen.

Um die Ausstellung nicht in die Nähe von Elendsvermarktung geraten zu lassen, wurde sie von Helga Rammow (Völkerkundemuseum Lübeck) und Volker Hanns (Übersee-Museum Bremen) "aufbereitet", wie die beiden es nennen. "Um Objekte nicht nur einfach zu präsentieren, im Sinne herkömmlicher Völkerkunde nicht allein schön exotische Dinge zu zeigen", so Helga Rammow, "geben wir realitätsbezogene Informationen über die sozialen Zusammenhänge."

Was Sanyu Kamande und seine Freunde sehr wahrscheinlich nicht wissen: Mit dem Erfindergeist dieser afrikanischen Kinder macht die Aachener Firma "Moderne Spieltechnik Gatzweiler GmbH" kein schlechtes Geschäft. Als "absolute Neuheit für den europäischen Raum" stellte das Unternehmen bereits vor über einem Jahr in der Fachzeitschrift Spielzeug-Markt Draht-Autos vor, bei denen "absichtlich eine volle Karosserie weggelassen wurde", um Phantasie und funktionales Denken bei Kindern anzuregen. Produzieren läßt das Aachener Stammhaus die "absolute Neuheit" im Gatzweiler Zweigbetrieb in Südafrika. Viola Roggenkamp