/ Von Martin Luther King sen.

Eigentlich hätte es mich nicht überraschen sollen. Martin Luther hatte schon mehrfach angedeutet, er müsse sich irgendwann einmal mit seiner Mutter und mir zusammensetzen und mit uns reden über... nun ja, über seine, Arbeit und darüber, was sie für ihn bedeute. Mir war schon damals klar: Er wollte uns vorbereiten auf die Möglichkeit, daß man ihm nach dem Leben trachtete. –

Im April fuhr M. L. nach Memphis und unterstützte dort nach Kräften die städtischen Arbeiter in ihrer Auseinandersetzung mit der Verwaltung. Das war eine Abkehr von den Ideen der Bürgerrechtsbewegung, wie sie den meisten Menschen geläufig waren. M. L. betrat eine neue Arena: Jetzt ging es um die Rechte der arbeitenden Menschen, unabhängig von ihrer Hautfarbe, ihrer Religion und ähnlichen Dingen. Arbeit brachte es mit sich, daß M. L. viel unterwegs war. Deshalb war ich nicht überrascht, als er an jenem Sonntagnachmittag – es war der 31. März – anrief und sagte, er werde vorbeischauen.

Ob Mutter zu Hause sei, wollte er wissen. Mir war klar, worüber wir reden würden. Und auch Bunch war unruhig; ich glaube, sie war sich der Spannung bewußt, der Veränderungen, die seit einigen Monaten in ihm vorgegangen waren. Wer hätte mehr Gespür dafür haben können als seine Mutter. Aber sie ließ sich kaum etwas anmerken.

Wir aßen gemeinsam zu Mittag, M. L., Bunch und ich. Setzten uns draußen in unserem Innenhof in die Sonne. Redeten von alten Zeiten. Was für ein Junge war er gewesen! Blitzgescheit, immer Gentleman, einer, den nie sein Selbstvertrauen verließ. M. L., so hörte ich die Leute oft sagen, sei ein Kind, wie es sich Eltern wünschten. Dazu ausersehen, ein besonderer Mensch zu werden.

"Mutter", sagte er, als wir draußen im Innenhof saßen, und er ließ das Gespräch plötzlich ganz ernst werden, indem er seiner Stimme einen anderen Klang gab. "Mutter, es gibt da ein paar Dinge, die du wissen solltest."

Ich glaube, Bunch hätte sich am liebsten gewehrt, um nicht gerade jetzt damit konfrontiert zu werden. Statt dessen versuchte sie, ihn durch ein Lächeln zu beruhigen, weil sie wußte, wie schwer es ihm wurde zu sagen, was es jetzt zu sagen galt.