SPRITZ sterbend

Erzähl einen Witz, oder ich spreche nicht mehr mit dir, solange ich lebe.

PRINCE

Mein Hund ist auch tot. Ein schwacher Atemhauch, eine Art Seufzer, den keiner von uns hören konnte, und er war hin. Einige meiner besten Freunde waren Hunde, begleiteten mich durch meine Hundejahre. Als Kind durfte ich keinen Hund haben, für Vater waren Haustiere eine bürgerliche Schwelgerei.

(Er öffnet seinen Koffer und holt verschiedene Teile eines zerbrochenen Spielzeughundes heraus. Er repariert die Teile und setzt sie zusammen.)

Ein Beispiel hierfür war Tante Agathe. Sie lebte mit sechs Hunden verschiedener Größe und Rasse. Es ging ein Gerücht um, sie mißbrauche sie zu perversen Zwecken, indem sie ihr Geschlecht mit Worcester Sauce einschmierte, was sie gern hatten. Man fand sie eines Tages in Stücke gerissen, inmitten der zusammengekauerten Meute. Mein erster Hund, laßt mich ausreden, war eine braungelbe Promenadenmischung, die mir an der Uni zugelaufen war. Er konnte Reaktionäre eine Meile weit riechen. Einmal habe ich ihn geschlagen. Ich kann mir das nie verzeihen. Warum ich Hunde liebe? Weil sie am besten lieben, nach deinen eigenen Bedingungen, anders als Menschen, die lieben, um geliebt zu werden, ein judäischer Trugschluß. Ich sehe sogar wie ein Hund aus, nicht wahr? Eli Dewlap hat mir einen seiner goldenen Spaniels verkauft. Der war so hochgezüchtet, daß er während der bösen McCarthy-Zeit an einem Herzanfall starb. Für ihn kaufte ich mir in Santa Monica einen ebenso schönen. An diesen nebligen kalifornischen Morgen, an denen das Verbrechen durch die Fenster winkte, pflegte er auf meinem Schreibtisch im Arbeitszimmer zu sitzen und sich unter der Lampe zu wärmen, und dann, mein Gott, ich weiß nicht, wie es geschah, pfft, war er weg, einfach verschwunden von meinem Schreibtisch. Nicht, daß er ausgerückt wäre. In meiner Erinnerung liegt er zusammengerollt auf meinem Schreibtisch, und dann ist er weg, und der Schreibtisch ist leer. Und dann bekam ich Lady, eine Schäferhündin mit einem Anflug von Collie. Der letzte Hund meines Lebens. Sie war das ideale weibliche Wesen für mich armen Sexbesessenen, der sich vergebens nach einer menschlichen Frau sehnte, die bereit gewesen wäre, seine Phantasien von Gehorsamkeit zu erfüllen. Lady hätte mich auch unter der Folter nicht verraten. Ihretwegen bedauerte ich es oft, nicht als Hund geboren zu sein, auf daß unsere Romanze volle Erfüllung gefunden hätte. Wenn ich nach Hause kam, witterte sie mich schon einen Straßenblock im voraus und raste freudequietschend die Treppe hinunter. In meinem Zimmer ließ sie sich unter den Schreibtisch fallen und legte ihre rassige Schnauze auf meine Füße und hob sie nur, wenn Polizeisirenen vorüberheulten. Zweimal im Jahr haarte sie, und überall im Haus trieben kleine Haarbüschelchen in der Zugluft. Blitz und Donner fürchtete sie dermaßen, daß sie in der Stille zwischen jedem Schlag und jeder gezickzackten Offenbarung versuchte, auf meinen Schoß zu kriechen. Wann immer Alice auf meine eifrige Pumperei nicht reagierte, versorgte uns Lady mit den nötigen Grunzern, um meine Männlichkeit zu bestätigen. Sie war öfter läufig als ihrer Rasse zukommt, und alle Hunde der Nachbarschaft saßen vor dem Haus und warteten auf die belagerte Lady, die inzwischen schmachtend von Fenster zu Fenster strich, bis Alice mit einem Besenstiel herausstürmte, um die Freier zu verdreschen. Sie zerstreuten sich, schlichen aber zurück, um doch noch in Lady hineinzukommen, was auch mehreren von ihnen gelang, besonders Irving, einem zerfransten Schnauzer. Auf Catalina trieb sie es am Wochenende des 4. Juli gleich dreimal, ein unerhörter Rekord, aber wir beide alterten unschön. Mit sechzehn verbrachte sie den Sommer mit lahmen Läufen unter meinem Bett in Vermont. Der Himmel weiß, was ich da oder sonst irgendwo zu suchen hatte, aber die ersten Herbststürme weckten ihre Lebensgeister. In ihrer letzten Tschechowischen Wallung kroch sie hinaus auf den Rasen, um im Kreise von zahlreichem Herrenbesuch herumzutrollen, bis ihr die Beine wegknickten. In der Abenddämmerung schließlich sammelte sie noch einmal ihre Kräfte und schlurfte unter den Pappeln mit einem tänzelnden Labrador davon, der sie endlich bestieg, aber ihre Beine versagten wieder, also ging ich im Mondlicht hinaus und stützte ihr Hinterteil, und wir drei huldigten der Liebe, bis der Morgentau unsere Gesichter näßte. Wir hatten ein erfülltes Leben und als es Zeit war zu gehen, waren wir bereit.

Deutsch von Ursula Grützmacher