Kinder spielen zur Musik aus dem Kofferradio im Krankenzimmer Fußball; nebenan reibt eine Mutter ihrer an Keuchhusten erkrankten Tochter den Rücken ein; nicht weit davon entfernt sitzen Großmutter und Großvater am Bett eines Jungen, dem sie ein Märchen vorlesen. – Kinderkrankenhaus Bonn-Dottendorf, das "kindergerechteste Krankenhaus in der Bundesrepublik", wie es das "Aktionskomitee Kind im Krankenhaus" apostrophiert.

Die Statistik hat es aufgeschlüsselt: Etwa 90 Prozent der drei- bis sechsjährigen Kinder haben Angst im Krankenhaus; bei den sieben- bis neunjährigen Kindern sind es immerhin noch 77 Prozent. Nur rund ein Fünftel aller Ärzte sind sich indes dieser Tatsache – wieder. statistisch belegt – bewußt. Die Kölner Diplompädagogin Ursula Moll stellte dies in ihrer Untersuchung "Operationstrauma des Kindes am Beispiel der Mandeloperation" fest; Im Bonner Kinderkrankenhaus versucht man, die Angst der Rinder vor dem Krankenhaus; abzubauen.

Ursula Moll ist Leiterin der Kölner Gruppe "Aktionskomitee Kind im Krankenhaus", die vor zehn Jahren als bundesweite "Bürgerinitiative mit wissenschaftlichem Beirat" in Frankfurt gegründet wurde. Mehr als fünfzig Initiativgruppen bemühen sich in der Bundesrepublik mittlerweile um die Verbesserung der Situation jener Kinder, die in ein Krankenhaus eingewiesen werden müssen. Die Forderungen: Stationäre Behandlung ausschließlich in Kinderkliniken; täglich unbegrenzte Besuchszeit für Angehörige; bessere psychologische Betreuung (etwa durch den Einsatz eines Heilpädagogen); verbesserte psychologische Ausbildung der Ärzte und Krankenschwestern; und schließlich die Mitaufnahme der Mütter bei der stationären Behandlung von Kleinkindern.

Das Komitee – es setzt sich zusammen aus Eltern, Psychologen, Pädagogen, Ärzten und Krankenschwestern – hat jene Forschungsergebnisse einer Reihe namhafter Wissenschaftler aufgegriffen, die belegen, daß viele der rund eineinhalb Millionen Kinder, die alljährlich in der Bundesrepublik stationär behandelt werden, unter zum Teil erheblichen Folgeschäden leiden. So fand man zum Beispiel heraus, daß 17 Prozent dieser Kinder "mittlere bis schwere Verhaltensstörungen" aufwiesen, gegenüber nur 2,5 Prozent bei jenen Kindern, die mit einer ambulanten Behandlung davonkamen.

Professor Gerd Biermann aus Brühl, seit zwanzig Jahren als Kinderarzt und Psychotherapeut im In- und Ausland tätig, hat jetzt eine Untersuchung von "Nachkrankengeschichten" abgeschlossen, in der über die Folgen von Krankenhausaufenthalten bei Kindern berichtet wird. Seine Ergebnisse bestätigen die Erfahrungen der Kinderärzte: Die Konfrontation der Kinder mit einer völlig fremden Umgebung, die (bei einer "harten" Besuchszeitenregelung) eine oft lange Trennung von den Bezugspersonen einschließt, und der manchmal übertriebene Zwang, im Bett liegenbleiben zu müssen, führen zu Verhaltensstörungen wie Bettnässen, unruhigem Schlaf, Kontaktschwierigkeiten, Angstzuständen und Schulversagen.

– Gewiß, schon vor 14 Jahren hatte der sogenannte "Platt-Report" in England dazu gerührt, daß in Kinderkliniken die täglich unbegrenzte Besuchszeit eingeführt wurde daß die Mutter bei ihrem Kind im Krankenhaus bleiben durfte, daß Psychotherapeuten den Heilungsprozeß begleiten durften – und das alles, dank des anglikanischen Systems des "National Health Service", völlig kostenlos. In deutschen Landen aber tat man sich schwer. Zwar gab es schon 1966 in München einen Stadtratsbeschluß, wonach die tägliche Besuchszeit für alle städtischen Kaderabteilungen sowie die Mitaufnahme der Mutter gefordert wurde, aber das "Kind im Krankenhaus" blieb weiterhin ein Stiefkind. Auch heute noch hat kaum die Hälfte aller deutschen Kinderkrankenhäuser, eine länger als eine Stunde währende "tägliche Besuchszeit".