Von Klaus-Peter Schmid

So ändern sich die Zeiten. Wladimir Iljitsch Lenin, der Vater der Sowjetunion, prägte einmal den Satz, der einzig "richtige und erzieherische Gebrauch von Gold wäre seine Verwendung als Material zum Bau öffentlicher Bedürfnisanstalten". Heute leistet sich Moskau solchen Luxus weniger denn je; denn es verkauft alljährlich Tonnen von Gold, um damit Waren und Technik im kapitalistischen Westen einzukaufen.

Die UdSSR muß nämlich (genau wie die meisten anderen Ostblockländer) mit einem fundamentalen Problem fertigwerden: Sie importiert weit mehr Waren und Dienstleistungen als sie ins Ausland verkauft. Dieses Loch im Außenhandel muß sie irgendwie stopfen, wenn sie ihre Lieferanten zahlen will. Der einzige Ausweg, wenn Waren aus dem Osten im kapitalistischen Westen zu wenig Interessenten finden: die Verschuldung. Und die rote Schuld wächst und wächst.

Die sieben europäischen Länder des Comecon (UdSSR, DDR, Polen, Ungarn, ČSSR, Bulgarien und Rumänien) hatten 1971 Auslandsschulden angehäuft, die bereits so hoch waren wie ihre gesamten Exporte eines Jahres. 1977 machten die Schulden gar den Exportwert von zwei Jahren aus. Zu diesem Zeitpunkt steckten die UdSSR (14,6 Milliarden Dollar) und Polen (12,7 Milliarden Dollar) am tiefsten in der Kreide.

Die Russen sind sogar noch relativ fein heraus. Als einziges Land des Comecon verfügen sie über Goldvorkommen, und Gold ist nach wie vor ein überall gern akzeptiertes Zahlungsmittel. Während 1972 rund zweihundert Tonnen des Edelmetalls zur Deckung des sowjetischen Handelsdefizites eingesetzt wurden, waren es 1977 nicht weniger als 450 Tonnen. Andere Länder wie Rumänien und Bulgarien mußten die Entwicklung des Tourismus forcieren, um angesichts der unzureichenden Warenexporte die Importe annähernd zu finanzieren.

Solche Anstrengungen konnten aber nicht verhindern, daß die Auslandsschulden des Ostblocks spektakulär anstiegen. 1971 betrug die Nettoverschuldung (also Schulden minus Guthaben) der europäischen Comecon-Länder noch relativ bescheidene 7,4 Milliarden Dollar. Doch 1973 war dieser Betrag bereits doppelt so hoch, und bis 1977 hatte er sich praktisch versechsfacht.

Bekanntlich kann man nur solange Schulden machen, wie sich Gläubiger finden, die einem Kredit geben. Bis 1974 geschah dies ganz überwiegend über Lieferantenkredite. Deutsche Unternehmen zum Beispiel, die einen Großauftrag von der Sowjetunion erhalten hatten, kümmerten sich selbst um die Finanzierung. Um ihr Risiko zu mindern, sicherten sie sich in der Regel durch öffentliche Ausfuhrgarantien und -bürgschaften ab.