Vor dem Eisernen Vorhang. Die Schauspieler K, N, A, J, M, Rita

Rita liegt auf einer Couch auf der Bühne. Über den Steg kommen K und N, sich während ihres Auftrittes als Motorradrocker verkleidend. Aus den ersten Reihen des Zuschauerraumes kommen A und J als gutangezogene Herren auf die Bühne. Nach einer Weile fällt M im Prometheuskostüm "aus dem Himmel" auf die Bühne. Er beginnt den Goethe-Prometheus zu deklamieren. Die zwei Rocker verstehen und befestigen ihn an der Trümmerwand. Aus dem Deklamieren wird ein rhythmischer Chor. Die zwei Rocker wiederholen den Text gemeinsam und abwechselnd travestierend. Rocker 1 versucht Rita auszuziehen, Rocker 2 fordert sie auf, ihren Himmel zu bedecken. A und J rhythmisieren den Vorgang mit Applaus; M, aus dem Mittelpunkt gedrängt, versucht sich durch Gegen-den-Lärm-Anbrüllen bemerkbar zu machen, nachdem er vergeblich versucht hat, sich von dem Eisen zu befreien. Rocker 1 bringt ihn zum Schweigen, indem er M den Hut Ritas als Knebel in den Mund dreht. Rocker 2 kontrolliert und verstärkt Ms Fesselung. Als sie sich wieder nach der Frau umsehn, sitzt Rita auf Ms Schultern und singt das LIED EINES KÜCHENMÄDCHENS aus der Dreigroschenoper. Applaus. M versucht vergeblich mitzuklatschen. Während des Beifalls zitieren die Schauspieler Kernsätze aus Theaterkritiken. Beifall und Kritikzitate lösen den "Mimenreflex" aus: alle männlichen Schauspieler beginnen gleichzeitig, Rita ihre Glanzrollen vorzuspielen, M grunzt gegen den Knebel an. Alle bemerken gleichzeitig, daß keiner zur Wirkung kommt, wenn simultan gespielt wird. Zwei feindliche Gruppen bilden sich: K/N gegen A/J. Die Gruppen beraten flüsternd. Kampf. Sieg der Großdarsteller A/J gegen die Kleindarsteller. A seinen Fuß im Nacken Ks und J seinen Fuß in Ns Nacken bieten einander den Vortritt an. Des höflichen Hofierens überdrüssig, zieht Rita M den Knebel aus den Mund. M beginnt sofort wieder mit "Bedecke deinen Himmel...", worauf er von der Rita wieder geknebelt wird. Als A und J sich weiter gegenseitig den Vortritt anbieten, beginnt K eine seiner Rollen vorzuspielen. Er erhält von A einen Tritt und verstummt. A und J hofieren weiter einander, dann nehmen beide das Angebot des anderen an und beginnen gleichzeitig, aus ihren Glanzrollen zu rezitieren. Rita lacht und beide verstummen irritiert, fixieren einander. A zeigt J seinen Bizeps, J prüft den eigenen, vergleicht und läßt A den Vortritt. A serviert ein Potpourri aus Goethe/Schiller/Kleist/Brecht. Der Besiegte K fängt an, ihn zu parodieren. A bemerkt es erst, als Rita lacht. J stimmt in das Lachen ein. A fixiert ihn drohend, J zeigt auf den Besiegten K. A zerrt K hoch und schmiedet ihn neben M an die Wand; Rita sattelt von M auf K um, wirft ein Kleidungsstück herunter, mit dem J K knebelt. A bedankt sich bei J, der geknebelte K grunzt Protest, J stellt sich neben ihn an die Wand und äfft ihn nach. A winkt Rita, sie wirft ihm ein Kleidungsstück zu. Er knebelt J, korrigiert dessen Prometheuspose mit vergleichenden Blicken auf Prometheus 1 und 2. Er fixiert dessen Haltung, indem er ihn anschmiedet, klatscht Beifall. Rita steigt auf J um. N hat seine Chance wahrgenommen und inzwischen auf M Platz genommen. Endlich Hauptdarsteller, spielt er mit Rita Paris-Helena an. Rita spielt (oder tut so als ob) für A, deshalb bricht N ab, A macht weiter, der gekränkte N verläßt seinen Platz auf M, stellt sich mit dem Rücken zu A und stiehlt ihm die Schau, indem er das Spiel wieder aufnimmt. A befestigt N neben J, Rita wirft ein Kleidungsstück, Knebel usw. Rita nimmt auf N Platz, A lädt sie ein, sich auf ihn. zu setzen, sie zeigt auf den Wandplatz neben N, er stellt sich an die Wand und nimmt die Prometheuspose ein wie die anderen, Rita korrigiert einige Details, knebelt ihn mit dem letzten Kleidungsstück, befestigt ihn, merkt an den Blicken der 5, daß sie nackt ist, entknebelt einen nach dem anderen und zieht ein Kleidungsstück nach dem anderen wieder an. Die Schauspieler, von den Knebeln befreit, müssen wieder sprechen lernen, fangen mit den Vokalen an! A: A, N: E usw. Die Sprechübungen der Schauspieler wachsen sich zu ohrenbetäubendem Lärm aus, Rita zieht sich wieder aus und knebelt sie wieder, als die Vokale zu Bedeutungen kommen. Wieder nackt versucht sie sich, in den Trümmern zu verstecken, findet ein Maschinengewehr, schießt, die Trümmerwand stürzt ein, aus dem Schutt kriechen unverletzt die 5. Nach der langen Fesselung müssen sie den Gebrauch ihrer Gliedmaßen neu lernen: Kriech-, Geh- und Greifübungen, einer sich an den anderen klammernd, ein Knäuel, aus dem sich erst langsam wieder die einzelnen konstituieren. Rita zieht sich inzwischen die Knebel wieder an. Die wieder intakten Schauspieler jagen Rita. Sie will von der Bühne, findet keinen Ausweg. Über den Gang jagen die 5 sie zu den verschiedenen Türen des Zuschauerraumes, die auch verschlossen sind. So entdecken auch die 5, daß sie eingeschlossen sind. Alle 6 trommeln gegen den Eisernen Vorhang. Gelächter über den Lautsprecher. Eine Stimme rezitiert (WIE ES EUCH GEFÄLLT):

Die Welt ist eine Bühne

Männer und Weiber alle Schauspieler nur:

Sie haben ihren Abgang und ihre Auftritte; Und einer spielt in seiner Zeit viel Rollen Seine Akte Sieben Alter.

(A: Akt eins das Kind. / spielt das Kind, während der Text weiter aus dem Lautsprecher gesprochen wird. Als der Text weiterverlesen wird, verwandeln sich die Schauspieler nacheinander in die verschiedenen Alter: J in den Schüler, M in den Verliebten, N in den Soldaten, K in den Richter, Rita in den Greis.)

Beim 7. Alter liegen alle "tot" auf der Bühne, bis das Publikum lebendig wird.