Der junge Studienrat Walter P. hastet einige Minuten nach dem Klingelzeichen über den Flur der Städtischen Handelslehranstalt in S. Die erste von sechs Schulstunden an diesem Montag beginnt mit der Rückgabe einer Klassenarbeit in der Berufsschulklasse Einzelhandel-Unterstufe, Fach "Kaufmännisches Rechnen". Die Arbeit ist schlecht ausgefallen, obwohl Walter P. dem Thema Dreisatzrechnung mehr Zeit gewidmet hatte, als vom Lehrplan her eigentlich zu verantworten war.

Sorgen macht ihm auch die nächste Stunde, für die er auf Wunsch der Klasse, einer Industrie-Oberstufe, im Fach Wirtschaftslehre Zahlenmaterial für einen Systemvergleich "BRD – DDR" zusammengestellt hat. Walter P. fühlt sich nicht ganz wohl bei dem Thema; außerdem war es schwierig, Material zu bekommen. Fast der ganze Sonnabendnachmittag ist mit der Vorbereitung, dieser einen Stunde draufgegangen. Zum Glück benötigt er für die übrigen zwei Stunden Buchführung im Wirtschaftsgymnasium und für die daran anschließende Stunde Gemeinschaftskunde in der Großhandels-Mittelstufe kaum Vorbereitungszeit. Lediglich eine Stunde Deutsch, die er von einem erkrankten Kollegen übernommen hat, zwingt ihn, die große Pause in der Bibliothek zuzubringen, weil ihm das Thema "Kommasetzung vor und" selbst nicht ganz geläufig ist.

Wenn Walter P. gegen 14.00 Uhr nach Hause kommt, hat er einen Unterrichtstag in den Fächern Mathematik, Buchführung, Wirtschaftslehre, Grammatik und Politische Wissenschaft hinter sich gebracht. Für den Nachmittag stehen allerdings noch 60 Englischarbeiten an, die am nächsten Tag zurückgegeben werden müssen. Seine Frau, Studienrätin am altsprachlichen Gymnasium mit den Fächern Sport und Latein hat an diesem Vormittag dreimal hintereinander Cäsars "Gallischen Krieg" behandelt. Sie kann über Walters Fächervielfalt nur lächeln und ist froh, daß sich in den nächsten 30 Jahren am "Gallischen Krieg" nichts ändern wird.

Walter P., seines Zeichens Dipl.-Handelslehrer, ist einer von vielen Studienräten im berufsbildenden Schulbereich, dem, wie der Volksmund es gelegentlich scherzhaft ausdrückt, die Vermittlung des "Krämereinmaleins" obliegt. Nur, mit dem "Krämereinmaleins" ist es heutenicht mehrgetan. Wie kaum ein anderer Lehrerberuf Mußte – sich derHandelslehrer in den letzten Jaherzehnten den Veränderungen im gesellschaftlichen Leben in seiner Unterrichtspraxis anpassen. Hinzu kam, daß Fachlehrer für Deutsch und Gemeinschaftskunde an den beruflichen Schulen von je her rar waren; also mußte der Handelslehrer auch hier einspringen, ohne auf eine wissenschaftliche Ausbildung zurückgreifen zu können.

Historisch betrachtet nahmen zunächst die um die Jahrhundertwende ins Leben gerufenen Handelshochschulen die Ausbildung der Lehrkräfte für die Wirtschaft wahr; später übernahmen die Universitäten diese Aufgabe. Besonders die Universitäten in Köln und Göttingen machten sich auf dem Gebiet der Wirtschaftspädagogik einen Namen. Inzwischen bieten auch die meisten Gesamthochschulen die Erste Staatsprüfung für das Lehramt an berufsbildenden Schulen an. Sie verleihen allerdings nicht den akademischen Grad Dipl.-Handelslehrer.

Das Studium selbst umfaßt die gesamte Wirtschaftswissenschaft mit ihren Einzeldisziplinen wie z. B. Volkswirtschaft und Finanzmathematik. Im Gegensatz zum Dipl.-Kaufmann muß sich der künftige Handelslehrer allerdings zusätzlich einem pädagogischen Examen unterziehen. Noch vor wenigen Jahren konnten Dipl.-Kaufleute, die sich nach dem Studium für den Lehrerberuf entschieden, über eine pädagogische Zusatzausbildung den Sprung ins Handelslehramt schaffen. Heute besteht diese Möglichkeit, bedingt durch ausreichenden Handelslehrernachwuchs, nicht mehr.

Dem Dipl.-Examen bzw. der Ersten Staatsprüfung schließt sich ein in den meisten Bundesländern anderthalbjähriger Vorbereitungsdienst an. Durchgeführt wird der Vorbereitungsdienst von Ausbildungsschulen und Studienseminaren. Vorrangige Aufgabe der Studienseminare für das Handelslehramt des höheren Dienstes ist es, dem jungen Wirtschaftswissenschaftler den Übergang von der Universität in die kaufmännische Schulpraxis zu erleichtern. Die didaktische Reduktion, die der Schulbetrieb erfordert, bereitet vielen Referendaren zunächst Schwierigkeiten, und manche, denen die Geheimnisse der Integralrechnung durchaus vertraut sind, erleiden eine Bruchlandung bei dem Versuch, 16jährigen Bürokaufleuten die Grundbegriffe der Zinsrechnung beizubringen. Hier bietet das Studienseminar mit seinen Fachseminaren wertvolle Hilfestellung.