Es gehört zu den ganz seltenen Glücksfällen der deutschen Rechtsgeschichte, daß einmal Richter teil an ihrem Fortschritt haben. Heinrich Beckmann, der Präsident des Landgerichts Verden an der Aller, und seine Beisitzer aus der neunten großen Strafkammer hatten im Frühjahr 1976 dem Bundesverfassungsgericht eine Mordsache mit der Frage vorgelegt, ob nicht das vom Gesetz bei Mord befohlene "lebenslänglich" die Menschenwürde verletze, auf die selbst der Mörder Anspruch hat. Karlsruhe ist dem Verdener Apodiktum so nicht gefolgt: Noch sei unbewiesen, daß der Vollzug einer lebenslangen Freiheitsstrafe "unter Berücksichtigung der gegenwärtigen Gnadenpraxis zu irreparablen Schäden psychischer oder physischer Art führt".

Doch dürfe es mit der Gnade allein, die seit jeher in das freie Ermessen des Staatsoberhauptes gestellt war – heute sind es die Ministerpräsidenten der Bundesländer –, nicht bewenden. Vielmehr stehe auch dem "Lebenslänglichen" ein Recht darauf zu, daß sein Fall nach angemessener Frist von einer gerichtlichen Instanz auf die Möglichkeit der Strafaussetzung zur Bewährung geprüft werde.

Dieser Forderung kommt der Entwurf des Bundeskabinetts nach. Er hat die Frist, nach deren Ablauf die Prüfung stattfinden muß, auf fünfzehn Jahre veranschlagt. Auch dann gibt es freilich nur eine Chance, keinen Anspruch auf Freiheit. Doch diese Chance darf eine humane Gesellschaft auch dem Ärgsten unter ihren Mitgliedern nicht versagen. H. Sch.