Von Gerd Bucerius

Henri Nannen im November 1978: "Wenn ich Ende 1980 die Platte putze, will ich hier den Laden in Ordnung haben." Was war da passiert? Auf Antrag von Henri Nannen hatte der Vorstand von Gruner + Jahr (Verleger des STERN) beschlossen, das Redaktionsstatut des STERN zu kündigen. Im Jahre 1969 hatte Nannen es dem Verlag abgerungen – das erste ernstzunehmende Redaktionsstatut in Deutschland, also in der Welt. Es gab dem Chefredakteur Rechte gegenüber dem Verlag und der Redaktion Rechte gegenüber dem Chefredakteur. Jetzt, fast zehn Jahre später, schien es Nannen, daß die Redaktion, vertreten durch den Redaktiönsbeirat, die ihr im Statut eingeräumten Rechte mißbrauche. Nannen kontra Redaktion? Das hätte er sich nie träumen lassen. Es ist nicht nur ein Stück Zeitgeschichte – es ist auch die Geschichte Henri Nannens.

Am 25. Dezember ist Henri Nannen 65 Jahre alt geworden. Kennengelernt haben wir uns vor 30 Jahren. Damals war er Mitbesitzer und Chefredakteur der mir etwas abenteuerlich vorkommenden Bilderzeitschrift, die weniger vom Verstände als von den kitschigen Gefühlen ihrer Leser lebte. Der STERN sollte sich ja bald mit der Erfindung der Soraya einem breiten Publikum bekannt und beliebt machen. Die Redaktion hauste im Lagerraum eines Duisburger Elektrogroßhăndlers; der hatte Anteile am STERN. Das Blatt war in wirtschaftlichen Schwierigkeiten: Die Korea-Krise hatte die Papierpreise vervierfacht; billiges Papier wurde nur den "ernsthaften" Zeitungen zugeteilt.

Ich bin geniert, Wenn ich mich erinnere, wie ich damals mit Henri Nannen umgegangen bin. Ich kam mir bedeutend vor, jedenfalls im Vergleich Zu ihm. Daß ein so kostbares Blatt wie die ZEIT eine Brot-Zeitung brauche, um seine intellektuellen Vorstellungen ohne Existenzangst verbreiten zu können, hatten mir ZEIT-Verlegerkollegen klargemacht. In Henri Nannen und seinem STERN hatte ich das Nötige zu finden geglaubt. Ein wortreicher Mann, intelligent, aber Plattheiten scheuend – der würde sicher gute Geschäfte machen für sich und daher auch für uns. Wir würden schon aus ihm und seinem Blatt das herausholen, was wir zum Unterhalt der feinen ZEIT brauchten. So wurde ich dann sein Verleger.

"Dem Mimen flicht die Nachwelt keine Kränze." Auch der Journalist hat es da schwer, vor allem, wenn er so viel vom Mimen an sich hat wie Nannen. An Fontane erinnern wir uns eher wegen seiner Romane; Theodor Wolff, der große Mann vom Berliner Tageblatt, ist fast vergessen; Tucholsky und Leopold Schwarzschild, Ossietzky kennen wir gerade noch dem Namen nach; den letzteren auch wegen seiner Tapferkeit und seiner Leiden. Alle diese produzierten großen Journalismus – mit geringer Wirkung. Ihre Zeiten waren nicht demokratische

Kritik galt bis 1933 als nicht recht anständig, danach sogar als Verbrechen. Der Journalist sei "ein Mann, der seinen Beruf verfehlt hat", konnte Wilhelm II. dekretieren. "Kann schreiben rechts, kann schreiben links", prägte Gustav Frey tag in den "Journalisten" den Bürgern ein. Heute stehen Journalisten in Deutschland höher im Kurs als die meisten Politiker – gewiß ein Beweis für demokratischen Wandel. Die Technik mußte hinzukommen: billig und immer billiger mußten sich große Bilderblätter – erst schwarzweiß, später vierfarbig – produzieren lassen. Erst heute kann ein Journalist, hat er nur etwas zu sagen, zehn Millionen Leser pro Ausgabe (oder pro Sendung in Funk und Fernsehen) haben.

Einst hatte der Journalist hinter seiner Arbeit zu verschwinden; persönlicher Journalismus galt als unanständig. Nannen dachte da anders. Die Sorgen der kleinen Leute schilderte er am Schicksal seines Vaters, eines mittleren Polizeibeamten aus Emden; für das Leid der Alten mußte seine Schwiegermutter herhalten. Was einer Hausfrau beim Einkaufen so begegnet, das ließ sich gut mit Martha, seiner Frau, darstellen. Examenssorgen – dafür hatte er einen Sohn. Ärger mit Handwerkern? Nannen beschreibt, wie sein Gartenzaun, in Schwarzarbeit, angestrichen wurde (in Hamburg: "gemalen" wurde). Auch so wurde er erfolgreich. Und ich wurde dank Nannen doch recht wohlhabend und konnte die Defizite der ZEIT bezahlen.