Zu Patrick Beesleys Bericht über den britischen Marine-Geheimdienst 1939-1945

Von Rolf Hochhuth

Speer notierte in seinem Spandauer Tagebuch, sein Mithäftling Dönitz habe einem russischen Offizier, der in dessen Zelle auf das Photo eines jungen Seemannes mit der Frage gezeigt habe, wer der sei, geantwortet: "Mein Sohn"; ; und weiter, auf die Frage des Russen, wo der heute sei: "Gefallen auf einem U-Boot." Ablenkend habe der Russe auf das Photo eines anderen jungen Seemannes gezeigt, mit den gleichen Fragen und habe die gleichen Antworten erhalten. Würde der Großadmiral seinen Schwiegersohn nicht in seinen persönlichen Stab kommandiert haben: mit ziemlicher Sicherheit hätte dann später in seiner Spandauer Zelle auch noch das Photo eines dritten jungen Mariners an einen der 27 212 deutschen U-Bootfahrer erinnert, die von insgesamt 39 000 gefallen sind. (Laut Spiegel vom 12. 6. 1963)

Diese familiäre Beziehung des Befehlshabers der U-Boote zu seinen Opfern – denn längst, nachdem der Kampf im Atlantik für die Deutschen aussichtslos geworden war, schickte Dönitz "seine" Besatzungen, als sei noch etwas zu gewinnen, immer wieder in den fast voraussehbaren Tod – erklärt den aus Selbstschutz entwickelten Starrsinn des Admirals. Noch 1973 – wie Patrick Beesly in seinem vorliegenden Werk:

"Very Special Intelligence – Geheimdienstkrieg der britischen Admiralität 1939–1945", aus dem Englischen von Friedrich Forstmeier; Ullstein Verlag, Berlin 1978; 328 S., 38,– DM,

angewidert berichtet –, wollte er es durchaus nicht für möglich halten, daß die Briten und später auch die Amerikaner während des Krieges die Befehle des deutschen BdU (Befehlshabers der Unterseeboote) und die an ihn ergangenen Antworten und Standortmeldungen der Boote von hoher See zum weitaus größten Teil in der weitaus längsten Zeit, seit 1941, fast so rasch dechiffrieren konnten wie Normalverbraucher eine Zeitung lesen.

Allein die Tatsache, daß die Briten "dank" ihrer militärischen Schwäche die Mehzahl der ihnen so zugegangenen Informationen erst ab Frühjahr 1943 voll ausnutzen konnten, und daß die Amerikaner lieber hochnäsig ein fürchterliches Lehrgeld bezahlten, als sich von den im Winter 1941/42 in der Taktik der U-Bootbekämpfung belehren zu lassen, haben dazu geführt, daß die Deutschen den Kampf zur See überhaupt so lange so ergebnisreich zu führen vermochten. Wären nicht, mehr noch zu Lande als auf den Meeren, Unzählige die Opfer dieses polnisch-britischen Geniestreichs geworden: man müßte das Aufbrechen der deutschen Chiffriermaschine "Enigma" durch Polen und Briten das folgenreichste Satyr-Spiel der Weltgeschichte nennen! Und das werden die Feinde des Hitlerstaates auch unbefangen tun.