Daß nicht alle ihre Blütenträume reifen würden, war den drei Eurokommunisten Berlinguer (Italien), Marchais (Frankreich) und Carrillo (Spanien) auf ihrem Madrider Gipfeltreffen 1977 wohl bewußt. Doch daß im Jahre 1978 solch ein Dauerfrost auftreten würde, hatte niemand, ob Freund oder Feind eines von Moskau emanzipierten, europäischer Demokratie zugeneigten Kommunismus, ernstlich erwartet. Statt voranzuschreiten und gewachsene Glaubwürdigkeit in höhere Wahlprozente umzusetzen, mußten alle drei Parteiführer Rückschläge hinnehmen.

Im März wählte Frankreich ein neues Parlament. Monatelang hatte sich zuvor die "Vereinigte Linke" aus Kommunisten, Sozialisten und Linksliberalen gestritten und war uneinig in den ersten Wahlgang gezogen, der den erhofften Linksrutsch zu signalisieren schien. Flugs einigten sich die Partner vor dem zweiten Wahlsonntag auf gemeinsame Kandidaten, doch die Franzosen bekamen Angst vor der eigenen Courage. Gegenüber 1973 mußten die Kommunisten 1,3 Prozentpunkte abgeben; die beiden Partner gewannen dazu. Die Koalition zerbrach noch in der Wahlnacht. Ob Marchais die Quittung für zuviel oder zuwenig Eurokommunismus erhielt, entzweit noch heute die Partei.

Knapp einen Monat später stellte sich Carrillo dem Parteivolk und geriet gleich von zwei Seiten unter Beschuß. Eine verlangte mehr Freiheit und Demokratie, die Don Santiago wohl propagierte, aber als gewiefter Apparatschik nicht praktizierte; die andere konnte und wollte die stalinistische Tradition nicht vergessen. Der Gewerkschaftsflügel rettete ihm die Führungsposition, allein gerade diesen Helfern kann Carrillo nicht danken. Gegen die wirtschaftlichen Nöte weiß auch die oppositionelle KP Spaniens keinen demokratischen Rat, und wüßte sie ihn, müßte sie ihn für sich behalten: Der Wind von rechts hat aufgefrischt und bläst der sich duckenden Partei kalt ins Gesicht.

Wiederum keine vier Wochen später mußte der auf dem Weg zur Macht am weitesten Fortgeschrittene, der Italiener Berlinguer, im Entführungsfall Moro seinem christdemokratischen Partner staatserhaltende Loyalität beweisen, einem Partner, der den "historischen Kompromiß" einer offiziellen Koalition verweigert und statt dessen mit der unbestimmten Formel vom confronto auf den inneren Zerfall der KPI spekuliert. Die Wähler honorierten diese Notstandsmehrheit nicht. In vier regionalen Wahlen verloren die Kommunisten Stimmen, und an ihrer Basis werden die Stimmen derer lauter, die das Argument "Es gibt keine Alternative" bezweifeln, die Stillstand als Rückschritt betrachten.

Eurokommunistische Kritiker haben all dies vorhergesagt. Im parlamentarischen Kräftemessen mitzumachen heißt in der Tat, auf die ganz andere Alternative zu verzichten, bedeutet ebenfalls, die scharfe Trennungslinie zu bestehenden sozialistischen Parteien zu verwischen, Identität und für manche Wähler eben auch Attraktivität preiszugeben. Ja, wenn Moskau noch lauthals auf die Häretiker und antisowjetischen Schismatiker schimpfte und stimmenträchtigen Widerstand erlaubte. Doch der Kreml äußert sich nur noch selten und überläßt die Abweichler dem nationalen Frost. Horst Bieber