Das wäre, für Jimmy Carter zumindest, ein Weihnachtsfest geworden: die völlige Aussöhnung mit China durch den Botschafteraustausch, die Fortsetzung der Entspannung mit der Sowjetunion durch die Unterschriften unter den Salt-II-Vertrag und – als Krönung seines diplomatischen Konzepts – die Paraphierung des israelisch-ägyptischen Friedensvertrages auf dem Berg Sinai, wo einst Moses die Gesetzestafeln erhielt. Es sollte nicht sein.

Der vorläufige Fehlschlag der Verhandlungen zum ersten Nahost-Frieden stand bereits am Vorabend des Friedensfestes fest. Amerikas Präsident, der sich schon häufig der Verwechslung von Wunsch und Wille schuldig machte, hat nun das Nachsehen. Was Wunder, daß er sich – als das Geschenk ausblieb – hinter bittere Worte der Kritik über die Widerborstigkeit der Israelis verschanzte.

Sind wieder einmal die Israelis an allem schuld? Und stehen tatsächlich die Ägypter als die reinen unschuldigen Engel da? Wäre es doch nur so einfach in der Politik, noch dazu in einer so verworrenen, schwierigen, von jahrzehntelangem Haß geprägten Politik wie der zwischen Juden und Arabern.

Erst einmal: Israel unterliegt gewiß einem übertriebenen Zwang nach absoluter Sicherheit. Es gibt indes keinen Vertrag in der Welt, der für alle Eventualitäten wasserdicht abgesichert ist. Überdies kann jeder Vertrag jederzeit gebrochen werden. Die Geschichte ist voll davon. Zuweilen ist – wie Carters Sicherheitsberater Brzezinski am chinesischen Beispiel feststellte – die "politische Einschätzung" der Absichten eines Partners wichtiger als eine politische Garantie. Auf Sadats Einsicht – seine historische Reise nach Jerusalem – folgte jedenfalls noch keine israelische Erkenntnis gleicher Tragweite.

Dann: Noch kurz vor Toresschluß, als alles schon zur Unterzeichnung des Vertragstextes perfekt zu sein schien, stellten die Ägypter flugs ein paar neue Bedingungen, die nach Erpressung aussahen – nach Erpressung freilich von Seiten der Saudis, die für Ägypten geradezu lebenswichtigen Bundes- und Zahlgenossen. Es ging um ein "Zieldatum" für die Institutionalisierung der "palästinensischen Autonomie" in Westjordanien und Gaza sowie um die Unterordnung dieses Vertrages unter ältere innerarabische Abmachungen (für den Fall einer israelischen "Aggression" gegen Jordanien und Syrien). Sadat benötigt Solche Absicherungen, um nicht zum Verräter an der arabischen Sache gestempelt zu werden.

Schließlich: Der Faden zwischen Jerusalem und Kairo ist nicht abgerissen. Es wird weiterverhandelt, wie letztes Wochenende in Brüssel zwischen dem israelischen Außenminister Dajan und dem ägyptischen Ministerpräsidenten Khalil, unter amerikanischer Assistenz. Es geht ja nur noch um fünf Prozent dieses Vertrages, 95 Prozent sind längst unter Dach und Fach.

Dreißig Jahre herrschte Krieg in Nahost oder doch Fast-Krieg. Wie soll da in einem einzigen Jahr, seit dem Gipfel von Camp David sogar in knapp drei Monaten, alles beseitigt werden können, was sich in drei Jahrzehnten an Feindschaft und Mißtrauen angesammelt hat? Gerade der Friede ist keine Angelegenheit des Handstreichs oder das Resultat eines Federstrichs. Er braucht seine Zeit, seine erste Erprobung vor allem in jenen langwierigen Verhandlungen, die ihn herbeiführen sollen. In einem vergleichsweise einfachen Fall – beim Österreichischen Staatsvertrag zwischen den Alliierten des Zweiten Weltkriegs und der Regierung in Wien – waren über 300 Sitzungen vonnöten, um das Abkommen unterschriftsreif zu machen.