Der Ministerpräsident hat bisher nur wenige Kritiker

München

Noch möchte keiner darauf schwören, daß der neue Ministerpräsident auch die volle Legislaturperiode in Bayern bleibt. Doch schon die ersten Wochen Straußscher Amtsführung haben nachhaltig aufrührerisch gewirkt. Die "erschreckende Vitalität" des 63jährigen habe richtig Leben in die Bude gebracht, konstatierte ein Senator während der Weihnachtsfeier im Maximilianeum. Und aus den Räumen der Staatskanzlei melden langjährige Insassen "eine gewisse Hektik".

Die Grundstimmung in der CSU-Fraktion ist zweckoptimistisch bis erwartungsfroh. Man schätzt es, daß ein Politiker mit internationalem Bekanntheitsgrad das Landesparlament aufwertet; und genießt es, daß nicht allein die eigene Stimmenübermacht, sondern auch Straußsche Eloquenz und Autorität oppositonelle Attacken auffangen. Außerdem wird zügiger gearbeitet. Anders als einst Landesvater Alfons Goppel, der über dem Kleinkram des politischen Alltagsgeschäfts schwebte, nimmt FJS vieles selber in die Hand. Er erledige vieles mit einem Pinselstrich, wozu einst mühselige Papierkriege nötig waren, lobpreist ein pfälzischer CSU-Landtagsabgeordneter. Kleine Vertreter hauptstadtferner Wahlbezirke registrieren zufrieden, bei dem neuen Herrn Ministerpräsidenten ein offenes Ohr für ihre Problemchen vor Ort zu finden. Selbst Parlamentarier, die noch während der Wahlkampfwochen an einem tieferen Einstieg des Weltpolitiker in landesväterliche Routine zweifelten, sprechen heute von "verblüffender Detailkenntnis" in manchen der auftauchenden Sachfragen. Auch der CSU-Abgeordnete Thomas Goppel, Sohn des nicht ganz freiwillig ausgeschiedenen Strauß-Vorgängers, versichert, einen "positiven Eindruck von der Arbeit des neuen Ministerpräsidenten zu haben. Gern reiht er sich in die Schar derer ein, die Strauß als den Rammbock gegen festgemauerte Bollwerke bayerischer Bürokratie feiern.

Vorschußlorbeeren können Rechercheure überall im Landtag. auflesen. Kritische Bemerkungen finden sie äußerst selten, Skeptiker im Unionslager warten tunlichst ab, ob nicht vielleicht ein anderer den Kopf hinhält und orientieren sich an der beflissenen Haltung der Kabinettsriege. Der einst von Strauß als "stinkfaul" abqualifizierte Ex-Staatsminister Franz Heubl – inzwischen als neuer Landtagspräsident tagtäglich in hautnahem Kontakt mit seinem Kritiker – ist nicht der einzige Gerupfte, der nun laut das Lob seines Herrn singt. Auch andere, als Querköpfe bekannte Kabinettskollegen sind in diesen Premierewochen eher mundfaul.

Selbst die oppositionelle FDP begegnet dem Regierungschef ungewohnt moderat. Der Münchner Merkur bezeichnete ihren Fraktionsvorsitzenden Hans-Jürgen Jaeger gar als "turtelnden Brautwerber". Die sonst so kämpferische Ursula Redepenning (FDP) bescheinigt dem "Buhmann Kohls" eine "erstaunlich kooperative Haltung" gegenüber dem bayerischen Parlament. Sein Vorgänger habe das Maximilianeum "saumäßig informiert"; Strauß hingegen ("wenigstens kein formaljuristischer Griffelspitzer") zeige ein unbefangeneres Verhältnis zur Legislative.

Es bleibt offensichtlich allein der SPD überlassen, Argwohn zu artikulieren. Die Sozialdemokraten vermissen "landespolitische Aktivitaten größeren Ausmaßes", und der stellvertretende Fraktionschef Karl-Heinz Hiersemann meint: "Unter der Decke schwelt’s schön." Strauß soll bereits durch abrupte Entscheidung gen Ausschußvorsitzende übergangen und impulsive Versprechungen gemacht haben, die seine Ministerialbürokratie in Depressionen stürze. "Spätestens zu den Haushaltsberatungen im Januar werden die Fetzen fliegen", freut sich die Opposition und stellt sich genüßlich vor, wie Strauß künftig als Oberfinanzminister dem Posteninhaber Max Streibl die Leviten liest.