Von Barbara Hartl

Vor dem Cheval-Noir-Massiv im SavoyerTarantaise-Gebiet entsteht für französischeWintersportbegriffe Unfaßbares: Die aus dem Boden gestampfte Skistation "Valmorel" soll einmal "unverfälschter Ausdruck des Gebirges" werden. Die Bevölkerung der umliegenden Dörfer neigt gar "ackerbauliche Traditionen", verkündet begeistert ein Prospekt. Was für andere Alpenländer selbstverständlich ist, findet in Frankreich selbst die Pariser Zeitung "Le Monde" "zu schon, um wahr zu sein".

Der 1400 Meter hoch gelegene Wunderort im Tal der Morel – Architekt Michel Bezançon hat in den sechziger Jahren die holzverkleideten Beton- und Glasburgen von La Plagne entworfen – wird von seinen Erfindern schlicht als "Paradiesgarten der Alpen" vorgestellt. Er will es möglichst bald mit den berühmten Nachbarn Courchevel, Meribel, Les Menuires und Val Thorens aufnehmen. Spätestens 1986. Dann nämlich soll es in Valmorel 7000 Betten und 150 Pistenkilometer geben, ein Zahlenverhältnis, das, inspiriert von nordamerikanischen Wintersport-Orten, weitaus günstiger sein wird als im benachbarten Superskizirkus der Trois Vallées. – Allein nebenan im Tal von Courchevel gibt es heute bei gleicher Pistenlänge 22 000 Betten.

Wochentags geht es auf den augenblicklich sechzig Pistenkilometern auch tatsächlich noch paradiesisch zu. Bei 2200 Betten, die außerhalb der französischen Schulferien (Weihnachten und Mitte Februar) vorerst? nur zu 25 Prozent ausgebucht sind, findet man sich nicht selten mutterseelenallein auf den leichten bis mittelschweren Hängen. Ein Genuß für mäßige Skifahrer, die hier nicht ständig auf der Hut vor bedrohlich schnell heranbrausenden Assen sein müssen. Diese können den knapp fünfeinhalb Kilometern "schwarz" (schwierig) eingestuften Pisten ohnehin nur ein mildes Lächeln abgewinnen. Bescheiden auch das Angebot an Loipen (20 Kilometer), die allerdings später bis zur Bahnstation Moutiers ausgebaut werden sollen.

Mit der Einsamkeit ist es an den Wochenenden vorbei. Dann schwappt Valmorel über: Oft steht man länger als eine Stunde in der Liftschlange, und wer mittags einen warmen Happen ergattern will, muß großes Stande und Wartevermögen haben. Die Kapazitäten-Tüftler haben nämlich nicht vorhergesehen, daß regelmäßig rund 2000 Wochenendausflügler aus der näheren Umgebung über Valmorel hereinbrechen. Diesem Mißstand wollen die enthusiastischen Planer, die ihre Vorstellungen dank niederländischer Geldgeber finanzieren können, durch den Bau weiter unten im Tal gelegener Liftstationen und zusätzlicher Restaurants Abhilfe schaffen. Insgesamt gibt es heute 19 Schlepp- und Sessellifte; bei Abschluß des Projekts sollen es 35 sein.

Der Ort Valmorel gliedert sich bisher in drei, um die Talstation der beiden Sessellifte angelegte Teile. Die Wohneinheiten sind in sogenannte "hameaux" – kleine Dörfer innerhalb des Dorfes – aufgeteilt. Der hameau "Planchamp" besteht aus fünf niedriggeschossigen Appartementhäusern und einem Hotel mit Bar und Restaurant. Die Möbel in den Wohnungen und Hotelzimmern – mangels französischer Hersteller aus Skandinavien importiert – sind in hellem Naturholz gehalten, ebenso die etwas zu klein geratenen Bäder. Vorzüglich ausgestattet: die Küchen, in denen vom Schnellkochtopf bis zur Geschirrspülmaschine (von drei Betten an) alles zum Brutzeln und Kochen bereitsteht. Wer will, kann sich sogar die Frühstücks-Zutaten, die noch warmen Croissants und die Milch, aus dem Hotel bringen lassen. Garderobe sollte man sparsam einpacken, denn die Schränke sind winzig, und hin und wieder ist der Einbau von Kleiderstangen vergessen worden.

Der hameau "Lafontaine", auf der anderen Seite der Piste, beherbergt in seinen Mauern "Attrape Coeur", den einzigen Nachtklub am Ort. Hier wurde besonders unbequemes Holzgestühl eingebaut, auf dem man, wenn schon nicht sein Herz verlieren (es herrscht außer am Wochenende gähnende Leere), wenigstens ein Savoyer Raclette (geschmolzener Käse, Kartoffeln, Schinken, Essiggurken und Perlzwiebeln) essen kann. Aber Nachtleben will Valmorel auch gar nicht bieten. Es sieht sich als Urlaubsort für Familien mit Kindern, die hier gut und vorerst noch preiswert (eine Tasse Tee, Kaffee oder Schokolade in der Hotelbar kostet drei Francs, ein Glas Wein zwei Francs) untergebracht sind. Im dritten Ortsteil, dem Geschäftszentrum "Bourg Morel" liegt der Kindergarten "Saperlipopette", wo Drei- bis Achtjährige von Kindergärtnerinnen in mehreren Sprachen betreut werden, Kurse im Schneekindergarten eingeschlossen. Für die ganz Kleinen findet sich mühelos ein Babysitter.