Wer um Frieden bittet und darüber hinaus um Versöhnung, der muß wahrhaftig sein, der muß zur Wahrheit sich fähig machen", mahnte Bundeskanzler Helmut Schmidt am 9. November, vierzig Jahre nach jener Nacht, in der Synagogen, Wohnungen und Geschäfte jüdischer Mitbürger verbrannt, demoliert und geplündert wurden; 91 Juden wurden damals getötet, 30 000 verhaftet, die meisten in Konzentrationslager verschleppt. Damals begann die systematische Judenverfolgung in Deutschland.

Zur Wahrheit fähig werden – das scheint nicht leichter geworden Zu sein, obwohl die Verbrechen, die von den Nationalsozialisten und ihren Helfern verübt wurden, inzwischen Jahrzehnte zurückliegen. Nicht leichter wohl auch deshalb, weil die Bürger der Bundesrepublik im letzten Jahr penetrant an die deutsche Vergangenheit erinnert wurden – und das zwölf Jahre nach dem Kabinett der Großen Koalition, in dem die Emigranten Brandt und Wehner, die Mitläufer Kiesinger und Schiller zusammengesessen und damit scheinbar das Ende der Aufrechnungen in der Innenpolitik markiert hatten, ein halbes Dutzend Jahre, nachdem der Kanzler, Brandt die Ostverträge abgeschlossen und damit auch in der Außenpolitik, so schien es, die Bundesrepublik vollends vom Odium der Vergangenheit befreit hatte. Gleichwohl wurde die Erinnerung im letzten Jahr so oft und so nachdrücklich bemüht, daß die Frage auftauchte: Holt uns die Geschichte wieder ein?

Ermahnung aus Ost und West

Selten wurde das schlimmste Kapitel dieser Geschichte so klar und unverstellt wieder ins Bewußtsein gerufen wie in jener Rede Helmut Schmidts in der Synagoge zu Köln. Meist begegnete den Bürgern die Vergangenheit eingepackt und verschnürt in parteipolitische, rechtspolitische und außenpolitische Probleme: im Fall Filbinger, in der Auseinandersetzung um die Verjährung der NS-Morde, in der Frage, wo eigentlich der Handel mit Hakenkreuz-Symbolen an die Grenzen des politischen Anstands stößt, in Ermahnungen aus Ost und West, von Freunden und Gegnern, in der Diskussion schließlich um die Parteimitgliedschaft des CDU-Präsidentschaftskandidaten Karl Carstens. Keiner dieser Fälle, so scheint es, hat geholfen, zur Wahrheit fähiger zu machen. Im Gegenteil, die alten Abwehrmechanismen wurden wieder blankgeputzt und in Gang gesetzt.

Viel ist in Archiven gegraben worden; man wurde fündig bei Filbinger, Carstens, Scheel. Und viele haben es wohl wie eine Erleichterung empfunden, daß auch Bundespräsident Scheel, ein Mann in der sozial-liberalen Koalition groß geworden, von weit links bis weit rechts als untadeliger Demokrat geachtet, in Ost und West als maßvoller Politiker geschätzt, sich als ehemaliger PG zu erkennen gab und somit auch zu "denen" gehörte. Die Vergangenheit als innen- und außenpolitische Waffe zu benutzen, war damit wesentlich schwieriger geworden. Was Scheel recht war, mußte es nicht Carstens billig sein? Man hatte Grund oder ein Alibi, das dornige Thema nicht mehr anzurühren oder es abzuwehren.

Für diese Abwehr ist die jüngste Reaktion auf die Erklärung des Vorsitzenden des Obersten Gerichts der Sowjetunion, Lew Smirnow, zur Verjährungsfrage ein gutes Beispiel. Er hatte die Verjährung als Amnestie für Verbrechen gegen die Menschlichkeit bezeichnet und wurde darauf von dem CSU-Abgeordneten Stauffenberg als Vertreter eines Staates angeklagt, auf dessen Konto millionenfacher Mord komme. Und wohl nicht untypisch ist ein Zitat aus dem Bonner General-Anzeiger, der insofern richtungweisend ist, als er ziemlich genau die akzeptierte Mehrheitsmeinung wiedergibt. Die Bonner Zeitung schrieb: "Der internationale Feldzug, der gegen jede Verjährung von NS-Verbrechen im Gange ist, erscheint in der Tat als eine Fortsetzung des Nürnberger Prozesses, denn wieder geht es nicht um eine allgemeine Rechtsverbindlichkeit, sondern um den deutschen Sündenfall."