Auseinandersetzungen, die aus aktuellem Anlaß geführt werden und in denen Wahrheit und politischer Nutzen sich gegenseitig im Wege stehen. Ein verdrängter, unbearbeiteter, unaufgelöster Rest entzieht sich solchen Diskussionen. Aber er ist da, und plötzlich, bei geringen Erschütterungen, wird er in irrationalen Ausbrüchen sichtbar, in Empörung und Haß.

Was bleibt? Einmal die Gewißheit, daß die Schwierigkeiten mit der Vergangenheit uns noch lange begleiten werden, sicher bis ins nächste Jahrhundert hinein. Wenn die Verjährungsdebatte ausgestanden ist, wird es andere Anlässe geben, die schmerzhafte Erinnerungen wieder zurückzurufen. Zum anderen die etwas resignierte Erkenntnis, daß mehr an Wahrheitsfähigkeit, an Schonungslosigkeit mit sich selbst dieser Generation nicht abzuverlangen ist. Die Hoffnung schließlich, daß Sühne, Heilung nicht darin bestehen, auf Anforderung ein vorgeschriebenes, richtiges Verhältnis zur Vergangenheit vorzuführen, sondern, weniger direkt, in friedensstiftender Politik, die sich maßvoll nach außen und innen darstellt, erkennbar werden kann.

Manchmal, in seltenen Augenblicken mag es sogar geschehen, daß jemand der Vergangenheit so begegnet wie der Kanzler in der Kölner Synagoge oder wie Willy Brandt, noch wirkungsmächtiger, bei seinem Kniefall im Warschauer Getto. Von solchen Handlungen, gewiß mehr als vom Vergessen, läßt sich vielleicht sagen, sie machten ein Volk frei.