Von Jutta Kamke

Zwischen 500 000 und 800 000 Patienten werden jährlich in der Bundesrepublik von einer Krankheit befallen, mit der sie sich während eines Krankenhausaufenthaltes infiziert haben. Diese Schätzung erhob Dr. Joachim Drescher, Professor für Virologie und Seuchenhygiene an der medizinischen Hochschule Hannover. Der Freiburger Bakteriologe Professor Franz Daschner hierzu: "In jedem Jahr sterben 25 000 Patienten an Hospitalinfektionen."

Offizielle Statistiken darüber gibt es in keinem Land, doch nach Einzelstudien erkranken bis zu 15 Prozent der Krankenhauspatienten an Infektionen, fünf bis acht Prozent davon tödlich. Diese Zahlen legte Professor Sven Carlson, Nürnberg, auf einer kürzlich, vom neugegründeten "Fortbildungszentrum Gesundheits- und Umweltschutz Berlin e. V." veranstalteten Tagung zur Krankenhaushygiene vor. Er stützte sich dabei vor allem auf britische, kanadische und US-Studien. Danach liegen die Harnwegsinfektionen an der Spitze: Ihre Häufigkeit beträgt je nach Studie zwischen 24 und 49 Prozent. Es folgen die Wundinfektionen (bis 40 Prozent) und Atemwegserkrankungen (bis zu 38 Prozent) als Hospitalismusfolgen.

Natürlich gibt es Gründe dafür, daß nach einem triumphalen 20. Jahrhundert der Ausrottung ansteckender Krankheiten ausgerechnet Infektionen in den Zentren der medizinischen Versorgung ausbrechen. Zum einen hat die moderne Medizin durch Operationen aller Schwierigkeitsgrade und Eingriffe mit den kompliziertesten Apparaturen ermöglicht, daß mehr und ältere und schwerer erkrankte Menschen überleben, wo sie noch vor einem Jahrhundert nicht die geringste Chance hatten. Der Einbau körperfremden Materials (Prothesen, Herzschrittmacher oder Herzklappen) gehört heute zum Klinikalltag, ebenso die enormen Möglichkeiten in der Unfall- und plastischen Chirurgie; die Kreislauffunktionen können mit Herz-Lungen-Maschinen aufrecht erhalten werden; Infusionen und Transfusionen sind zusätzliche Lebensretter geworden; auch gibt es Medikamente, die selbst bei letztlich tödlichen Erkrankungen (etwa Leukämie) Leben verlängern können – aber sie schwächen das Immunsystem, so daß nun schon ein banaler Infekt für den Kranken zur Gefahr wird. Allein, aus diesen wenigen Beispielen ergibt sich die Forderung nach sorgfältigster Hygiene, denn die Eintrittspforten für Keime werden durch, diese intensive Medizin noch mannigfaltiger.

Zum anderen sind die Techniken der Asepsis (Herstellen von Keimfreiheit) und Antisepsis (Hemmung und Vernichtung der Erreger in der Wunde) relativ neu. Noch vor hundert Jahren hießen die Haupttodesursachen durch Infektionen Gasbrand und Tetanus. Professor Gerhard Pulverer von der Universität Köln führte hierzu in Berlin ein eindrucksvolles Beispiel aus dem Krieg 1870/71 an: 10 000 von 13 000 beinamputierten französischen Soldaten starben an diesen beiden Infektionen. Der Wiener Gynäkologe Semmelweis entdeckte 1861, daß das geuntersuchender Ärzte und Studenten übertragen wurde, die zuvor etwa Sektionen ausgeführt hatten. Er forderte Keimfreiheit für alle mit Wunden in Berührung kommende Instrumente, Verbände und Hände. Semmelweis selbst starb 47jährig an einer Sepsis nach einer Sektion.

Der schottische Chirurg Lister war der nächste Wegbereiter. Er erkannte Carbolsäure als wirksames Desinfektionsmittel. Mit dem klinischen Einsatz von Penicillinen und dem damit verbundenen Boom in der Chemotherapie seit 1940 setzte dann auch "eine gewisse Sorglosigkeit" (Pulverer) ein, die oft, die notwendige Hygiene vermissen ließ. Professor Meta Alexander, Vorsitzende der Hygiene-Kommission der Berliner Uniklinik Charlottenburg und Leiterin der Infektionsabteilung: "Antibiotika allein bieten keinen hinreichenden Schutz, wichtig sind auch steriles Arbeiten und die persönliche Hygiene, um etwaige Infektionswege zu unterbrechen."

Leider sind immer mehr Erregerstämme durch allzu sorgloses Hantieren, mit Antibiotika resistent geworden die Erregerstämme und -typen der Krankenhausinfektionen wechseln zunehmend häufiger zu Varianten, die teilweise therapeutisch nicht mehr beherrscht werden können. Dieser gefürchtete Hospitalismus gibt auch für den Hygieniker Pulverer Rätsel auf: Erreger von Atemwegsinfektionen sind heute bösartiger als noch vor zehn Jahren; und Staphylokokken-Infektionen des Typs 80/81, in den fünfziger Jahren einer der weltweit gefürchteten Hospitalismuserreger, verschwanden klanglos; hingegen erwies sich plötzlich und unerklärlich ein anderer Erreger aus dieser Familie als hochinfektiös. Ähnlich wellenförmig verhalten sich die – ohnehin nicht direkt therapierbaren – viralen Infektionsarten, etwa die weltweiten Grippeepidemien.