Die deutschen Hersteller kämpfen seit Jahren gegen einheitliche EG-Richtlinien

Brüsseler EG-Beamte erinnern sich mit Schrecken an das mehr als zehnjährige Tauziehen um einheitliche EG-Richtlinien für "medizinische Quecksilberthermometer mit Maximumvorrichtung". Einer schaudert noch heute: "Das war lächerlich und dumm." Die deutschen Produzenten von Fieberthermometer sehen das freilich ganz anders. Sie, die sich traditionell zur Fieberthermometer-Nation schlechthin zahlen, fürchten den Exitus, wenn in zwei Jahren endlich in Kraft tritt, was schon vor zwei Jahren in Brüssel beschlossen wurde – eben das einheitliche EG-Recht für Fieberthermometer...

So geben die 18 deutschen Hersteller auch nicht auf und versuchen wieder aufs neue, die Regeln aus Brüssel doch noch abzuwenden, zumindest zu verändern. Obgleich die Branche in der Bundesrepublik nur drei bis vier Millionen Thermometer fertige und rund zehn Millionen Mark umsetzt, gebärdet sie sich in einer Weise, als sei sie Mittelpunkt der Welt.

Ziel der bereits verabschiedeten Richtlinien war die Einführung einer einheitlichen Eichpflicht für Fieberthermometer in allen Mitgliedsländern. Damit sollte der EG-Handel erleichtert werden. Bislang mußten Importthermometer vor dem Verkauf in der Bundesrepublik durch deutsche Eichämter geprüft werden. Mit einem anerkannten EG-Eichsiegel oder aber dem Eichstempel eines Mitgliedslandes wäre künftig eine erneute Überprüfung beim Import überflüssig. So sinnvoll diese Regelung im Interesse aller EG-Produzenten ist, so umstritten blieben viele Jahre lang die Modalitäten. Allen voran drängten insbesondere die Hersteller in der Bundesrepublik, die Fahne deutscher Wertarbeit hochzuhalten.

Dabei steht Tradition oben an. Denn, manisch versessen auf Genauigkeit, war den deutschen Glasbläsern schon recht früh gelungen, ein Glas herzustellen, was allen Wirren der Zeit überdauern kann. Das heißt: deutsche Fieberthermometer können zwar beliebig altern, ihre Meßgenauigkeit hingegen bleibt so jung wie am ersten Tag. In der Fachsprache wird diese Beständigkeit an der sogenannten "Eispunktdepression" gemessen. Sie gibt die maximal zulässige Gradabweichung an. Sie beträgt beim renommiertesten deutschen Glashersteller Jenaer Glaswerk Schott + Gen. nur 0,018 Grad Celsius.

Solche Meßgenauigkeit auf Dauer hält die Branche für besonders wichtig. Jenaer-Glas-Verwender Hans-Joachim Müller-Mellenberg von der Volkacher Glaswarenfabrik Oson, Thermometerhersteller von Ruf, erklärt das so: "Abweichungen um einige zehntel Grad können bei der Diagnose einer Blinddarmentzündung bedeutend sein. Deshalb kommt es darauf an, daß der Kunde sich auf sein Fieberthermometer verlassen kann."

Um die Zuverlässigkeit deutscher Gläser zu unterstreichen, hat die Glasindustrie eine besondere Kennzeichnung erfunden, die auch in den deutschen Eichgesetzen Eingang fand. Die Kennzeichnung erfolgt über Streifen im Glas; sie sind das Gütesiegel, auf das der Thermometerfertiger ebenso wie die Eichämter bauen können.